Im Hamburger Hafen hat gestern die zu Rheinmetall gehörende NVL bei Blohm+Voss zwei Systeme der Öffentlichkeit vorgestellt: den K3 Scout des britischen Partners Kraken Technology Group und das AMC 12, ein selbst entwickeltes autonomes Versuchsboot. Das Ziel ist klar: Die neue Naval Division von Rheinmetall will zur führenden Adresse für maritime Autonomie in Deutschland werden.
Die neue maritime Division des Rüstungskonzerns Rheinmetall (NVL) präsentiere gestern zwei Überwasserfahrzeuge, die für die Zukunft der maritimen Sicherheit stehen sollen.
Auf der einen Seite K3 Scout Medium – ein von der britischen Kraken Technology Group entwickeltes und seit rund einem Monat in Hamburg gefertigtes unbemanntes Überwasserschiff (USV). Auf der anderen Seite das AMC 12, ein von der NVL entwickeltes 12-Meter-Testfahrzeug, das Rheinmetall als „Reallabor auf See“ bezeichnet.
Tim Wagner, CEO der Division Naval Systems der Rheinmetall AG, unterstrich den strategischen Anspruch des Unternehmens: „Wir positionieren Rheinmetall – und Blohm+Voss als Teil der Rheinmetall Naval Systems – hier in Hamburg als Technologiezentrum für unbemannte Fahrt und autonome Boote.“
K3 Scout – nur der Anfang
Der K3 Scout in der Konfiguration Medium ist ein 8,4 Meter langes USV mit Innenbord-Dieselantrieb, das bis zu 55 Knoten erreicht, eine Reichweite von 650 Seemeilen bei 25 Knoten bietet und bis zu 30 Tage autonom auf See operieren kann. Über Starlink ist das Boot permanent vernetzt.
Das modulare System kann eine Nutzlast von 600 Kilogramm mitführen. Je nach Anforderung und Kundenwunsch kommen hierfür ISR/ISTAR-Sensoren, elektro-optischen und Infrarot-Kameras, Radar, C-UAS/EW-Modulen oder Wirkmittel infrage. K3 sieht vor, diese Nutzlasten als Standardcontainer mitzuführen, die schnell austauschbar sein sollen. In Hamburg gezeigt wurde ein unbestimmter Werfer.
Bislang wurden die Boote ausschließlich in England gebaut – das änderte sich kürzlich. Rheinmetall hat in Hamburg eine Produktionsstätte für den K3 Scout in Betrieb genommen, die zunächst auf 15 Einheiten ausgelegt ist, aber auf bis zu 200 Boote pro Jahr hochskaliert werden soll.
Im Dreischichtbetrieb sei sogar eine Produktion von 1.000 Einheiten im Jahr denkbar. Wagner: „Die ersten 150 Boote sind bereits unter Vertrag.“ Es seien Aufträge von mehreren Marinen, die noch über Großbritannien ausgeliefert werden. Das mit Kraken im vergangenen Sommer gegründete Joint-Venture habe selbst noch keinen Vertrag.
Die Partnerschaft mit Kraken sei jedoch auf Wachstum ausgelegt. Wagner erläuterte gegenüber Defence Network: „Wir wollen relativ schnell auch den K3 Heavy hier in Hamburg bauen.“ Alle Kraken-Modelle theoretisch auch in Hamburg gebaut werden. Perspektivisch ist auch der Bau größerer Einheiten über 24 und 30 Meter geplant – Größenordnungen, für die Krakens Produktionsstandort in England nicht ausgelegt sei.
Stealth, Performance aber kein Kamikaze
Auf die Frage, ob ein so kleines und günstiges Boot auch als Kamikaze-Drohne geeignet sei – ähnlich wie es im Ukraine-Krieg ukrainische Systeme sind –, antwortete Wagner klar: „Grundsätzlich ist jedes Boot dieser Größenordnung als Kamikazedrohne darstellbar. Dafür ist dieses Boot aber nicht ausgelegt. Das Boot ist darauf ausgelegt, dass es wieder zurückkommt und dann auch die nächsten Aufträge abarbeiten kann.“
Wirtschaftlich rechne sich beim K3 eine Wiederverwendung: Kamikaze-Drohnen seien günstiger – selbst gegenüber dem mit rund 300.000 britischen Pfund vergleichsweise preiswerten K3 Scout.
Das Boot selbst ist aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) gefertigt. Der sei besonders leicht und ermögliche eine Konstruktion, mit der sich die Radarrückstrahlfläche minimieren lasse.
„Insofern ist das Boot natürlich für militärische Zwecke prädestiniert“, erklärt Wagner gegenüber Defence Network, „aber es kann auch für jede andere Sicherheitsbehörde unterwegs sein.“ Als Beispiel nennt die Rheinmetall Tochter die Überwachung von kritischer Infrastruktur und Grenzschutz als Beispiele. Auch die NATO habe das Boot bereits ausgiebig getestet und sei nach Angaben des NVL-CEOs sehr zufrieden gewesen.
AMC 12: Das Reallabor für autonomes Fahren
Das zweite vorgestellte System, der AMC 12, ist ein völlig anders konzipierter Träger. Mit 12 Metern Länge und 3,5 Metern Breite, aus Aluminium gefertigt und mit Wasserstrahlantrieb ausgestattet, erreicht er bis zu 35 Knoten. Der Demonstrator ist noch bemannt, soll aber – und das ist das Kernanliegen – autonom einsetzbar sein.
So wie gestern in Hamburg zu sehen, wird es den AMC 12 nie zu kaufen geben. NVL will es nutzen, um die Fähigkeit des autonomen Einsatzes möglichst schnell zu entwickeln. Dafür sollen auch staatliche Fördergelder verwendet werden.
Das autonome Navigationssystem stammt von Anschütz, die Automationsplattform be*VISION Core von besecke. Über Mobilfunk und Satellitenverbindungen ist der AMC 12 permanent in Führungs- und Hafensysteme eingebunden.
Unterschied zwischen AMC 12 und K3 Scout
Der entscheidende Unterschied zum K3 Scout: Während der K3 ferngesteuert („remote piloted“) operiert, soll der AMC 12 echte Autonomie erforschen. „Es gibt heute noch keine wirklich autonom fahrenden Boote im Einsatz“, betonte Wagner.
„Wir wollen ein Boot autonom von A nach B verlegen – nicht nur von einem vordefinierten Platz zwei Seemeilen hin und her fahren.“ Konkret bedeutet das: Das System muss in der Lage sein, in komplexen Gewässern wie der Kieler Förde – mit Hobbyseglern, Kleinfahrzeugen und unvorhersehbarem Verkehr – sicher und regelkonform zu navigieren. Dafür müsse die KI in realen Bedingungen trainiert werden.
NTV 130 – Das Drohnen-Mutterschiff für die Marine
Übergeordnet steht hinter Einzelprojekten wie K3 und AMC 12 eine strategische Vision: der sogenannte „autonome Systemverbund“. Dabei operieren bemannte Fregatten, Korvetten und Einsatzboote gemeinsam mit unbemannten USV – „Manned-Unmanned-Teaming“.
Größere Schiffe bleiben in sicherer Distanz, während unbemannte Einheiten in die Einsatzzone vordringen. Für die MASS-Klasse (Maritime Autonomous Surface Ships über 24 Meter) sieht Rheinmetall sich durch seine NVL-Übernahme in führender Rolle in der europäischen Entwicklung.
Neben den gezeigten Systemen sprach Wagner auch über ein größeres Projekt: den NTV 130, ein Schiff, das als Drohnen-Mutterschiff konzipiert wurde und 20 K3-Boote transportieren und einsetzen könnte. „Die Konstruktion ist fertig und könnte relativ schnell auch geordert werden“, erklärte Wagner.
„Die Marine will dieses Boot und hat sich dafür entschieden. Der Beschaffungsprozess läuft.“ Einen Zeitplan für die Vertragsunterzeichnung konnte Wagner nicht nennen, betonte aber: „Das ist genau das, was die Marine braucht – ein Schiff mit großer Reichweite, das dann noch als Drohnen-Mutterschiff unterwegs ist.“
Die rechtlichen Rahmenbedingungen – wo ein autonom fahrendes Boot in deutschen oder europäischen Gewässern unterwegs sein darf, wer haftet, wie Zulassungen erteilt werden – sind längst nicht abschließend geregelt.
Rheinmetall und NVL nutzten den gestrigen Tag auch, um diesen Handlungsbedarf an den ebenfalls anwesenden Maritimen Koordinator der Bundesregierung zu adressieren. Die Technologie jedoch, so das klare Signal aus Hamburg, ist bereit.
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