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Datenfusion auf offener See – Wie SeaSEC die Industrie fordert

Die Fähigkeit, eine potenzielle Bedrohung zu erkennen, bevor sie zur echten Gefahr wird, ist elementar. In diesen Wochen findet an der Ostsee eine der wichtigsten maritimen Erprobungen statt – die SeaSEC Challenge Weeks DATA2SEA. Sechs Industrie-Konsortien erproben, wie man kritische Unterwasser-Infrastrukturen schützt. Doch die zentrale Herausforderung ist simpel und komplex zugleich: Wie bringt die Industrie all diese Daten zusammen, damit der Nutzer im entscheidenden Moment das umfassendste Lagebild vor Augen hat?

Das Marinearsenal Warnowerft ist zweifelsfrei ein zu schützender Bereich – Hier wurde im Rahmen der SeaSEC Challenge Weeks DATA2SEA neueste Technik erprobt – in allen Dimensionen.
Das Marinearsenal Warnowerft ist zweifelsfrei ein zu schützender Bereich – Hier wurde im Rahmen der SeaSEC Challenge Weeks DATA2SEA neueste Technik erprobt – in allen Dimensionen.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Das Surren eines kleinen Quadrocopters – welches heutzutage keiner näheren Beschreibung mehr bedarf – mischt sich unter den Wind über dem Hafen von Warnemünde. Das Surren fällt auf, trotz der lauten Geräuschkulisse aus Böen, dem Klacken und Klirren der Takelage mehrerer Yachten, Möwengekreisch, und dem Gluckern von Wellen unter dem hölzernen Steg. Das Surren fällt auf, weil es nicht hierhergehört. Ein Umstand, der später noch wichtig werden soll.

SeaSEC Challenge Weeks DATA2SEA – Die Übung

In Warnemünde findet dieser Tage die DATA2SEA statt, eine Erprobung im Rahmen des Seabed Security Experimentation Centres (SeaSEC). SeaSEC ist eine zivil-militärische Initiative der Northern Naval Capabilities Cooperation (NNCC). Neben Deutschland und den koordinierenden Niederlanden gehörten 2023 auch Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden zu den Gründungsmitgliedern von SeaSEC.

„Für die Bundespolizei hat sich die Lage auf Nord- und Ostsee in den letzten Jahren erheblich verändert“, erklärte Normen Großmann, Präsident der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt, die Bedeutung der zivil-militärischen Veranstaltung. Die tägliche Arbeit der Polizei im maritimen Bereich sei geprägt von dem Schutz kritischer Infrastruktur, sowie der Abwehr von Spionage, Sabotage und Umweltgefahren.

Konteradmiral Richard Ernst Kesten (l.), Chef des Stabes im Marinekommando, neben Normen Großmann, Präsident der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt.
Konteradmiral Richard Ernst Kesten, Chef des Stabes im Marinekommando.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Auch Konteradmiral Richard Ernst Kesten weiß, dass der Schutz kritischer Infrastruktur eigentlich nicht in die Verantwortung der Streitkräfte fällt. „Wir haben aber einen militärischen Gegner“, so der Chef des Stabes im Marinekommando, „der es sehr gut versteht, unsere unterschiedlichen Übergänge von Zuständigkeiten auszunutzen. Das heißt, wir sind als Deutsche Marine und als Sicherheitsorgane sehr an einem gemeinsamen Lagebild interessiert.“

Für ein möglichst umfassendes und detailliertes Lagebild sind unzählige Daten von verschiedensten Sensoren von Nöten, die aufeinander abgestimmt bereitgestellt werden müssen. Das zu ermöglichen, zu testen und den potenziellen Nutzern zu demonstrieren, ist Aufgabe der SeaSEC Challenge Weeks.

In Rostock haben die rund 45 Unternehmen – darunter Rheinmetall, TKMS, EvoLogics, Infinteq, Euroatlas, Flanq, Hensoldt, HP, Teledyne, Systematic und Julius Marine – dafür 28 verschiedene Sensoren, 13 USVs, sieben UAVs, fünf AUVs und ein UGV aufgefahren.

So unterschiedlich die Mandate von Marien, Nachrichtendiensten und Polizeien auch sind, die hybride Bedrohungslage können wir nur gemeinsam bewältigen.
– Normen Großmann, Präsident der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt

Während der bereits zum zweiten Mal stattfindenden Veranstaltung erproben rund 45 Unternehmen in sechs Konsortien Lösungen, die für drei eigens angelegte Szenarien zusammengestellt wurden. Innovative Sensoren, autonome Fahrzeuge und Datenintegrationssysteme wurden innerhalb weniger Monate von der Industrie verbunden, um jetzt unter realistischen Bedingungen den Schutz kritischer Unterwasser-Infrastrukturen zu testen.

SeaSEC ist keine rein militärische Erprobung: Auch die Bundespolizei erprobt den Schutz kritischer Infrastruktur und die Abwehr von Drohnen.
SeaSEC ist keine rein militärische Erprobung: Auch die Bundespolizei erprobt den Schutz kritischer Infrastruktur und die Abwehr von Drohnen.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Der Fokus liegt auf der Verbesserung der maritimen Situational Awareness durch eine bessere Datenfusion, der schnellen Bedrohungserkennung und der Förderung internationaler Zusammenarbeit unter realistischen Bedingungen in Küstengewässern und auf offener See.

Das soll mit den SeaSEC Challenge Weeks erreicht werden:

  • Steigerung der maritimen Sicherheit
  • Test realer Lösungen unter realistischen Bedingungen
  • Fokus auf Datenfusion
  • Förderung zivil-militärisch-industrieller Zusammenarbeit
  • Stärkung internationaler Zusammenarbeit

SeaSEC Challenge Weeks – 3 Szenarien

An vier Punkten und mit drei Szenarien findet die Erprobung SeaSEC statt. Im Sporthafen von Warnemünde sowie im Marinestützpunkt Rostock wird das Szenario Harbour Protection durchgeführt. Hier arbeiten bemannte und unbemannte Fahrzeuge zusammen, um ein festgelegtes Gebiet kontinuierlich zu überwachen.

Das USV Q-RECON 24, eines der eingesetzten Boote zur Überwachung des Hafens von Flanq, verfügt über einen Hangar für einen Quadrocopter.
Das USV Q-RECON 24, eines der eingesetzten Boote zur Überwachung des Hafens von Flanq, verfügt über einen Hangar für einen Quadrocopter.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Im küstennahen Bereich Rostocks müssen die Konsortien im Szenario Cable Protection zeigen, dass sie in der Lage sind, ein echtes, stromführendes Unterseekabel auf mehrere Kilometer Länge zu überwachen. Das Aufklären von Tauchern, die Sprengsätze auf dem Kabel ablegen, aber auch Minenerkennung wird erprobt. Eine Fähigkeit, die aktuell in der Straße von Hormus von enormer Bedeutung ist.

Szenario Nummer Drei – Platform Protection – findet auf offener See in der Mecklenburgischen Bucht statt. Hier muss eine Forschungsplattform beschützt werden. Im Gegensatz zum vorherigen Szenario konnte auch stationäre Sensorik verlegt werden. Die sechs Konsortien mussten nicht für jedes Szenario eine Lösung präsentieren, hätten es aber gekonnt.

Technik voller Daten

In jedem Szenario gilt es, auffälliges Verhalten oder unberechtigten Zutritt zu erkennen. Eingesetzt werden unterschiedlichste Sensoren, darunter aktive Sonare, passive Akustik und optische Kamerasysteme. Die Herausforderung besteht darin, diese Daten zu bündeln und auszuwerten.

Angriffe wurden beispielsweise durch solche "schwimmenden Luftmatratzen" dargestellt, wie sie von SOAL aus Schweden hergestellt werden.
Angriffe wurden beispielsweise durch solche "schwimmenden Luftmatratzen" dargestellt, wie sie von SOAL aus Schweden hergestellt werden.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Hier kommt wieder das Surren der Drohne vom Anfang ins Spiel. Ihr Geräusch ist anders als die Geräusche, die für einen Sporthafen als normal gelten. Das Surren fällt auf.

Um Verdächtiges aufzuklären, muss man wissen, was unverdächtig ist. Welches Geräusch macht der Fischkutter, der jeden Tag ausläuft, welche Signatur haben die Möwen, die über das Hafengebiet fliegen, und wie sieht der Meeresboden um das Strom- oder Datenkabel aus?

Das Unbekannte, das Verdächtige – das Surren – ist dann nur noch ein Abgleich mit vorhandenen Daten. Um hier in Echtzeit ein entsprechendes Lagebild zu erhalten, setzen die Unternehmen auf KI-gestützte Anomalieerkennung; ein ständiger Vergleich von Daten.

Im Rostocker Marinehafen klappt das schon sehr gut, von Dutzenden Aktionen des „Red-Teams“ konnte nur ein Unterwasserfahrzeug der Bundespolizei nicht durch die Sensorik eines Konsortiums aufgeklärt werden.

Im Schaubild wird deutlich, aus wie vielen Komponenten die Lösung eines Konsortiums teilweise bestehen.
Im Schaubild wird deutlich, aus wie vielen Komponenten die Lösung eines Konsortiums teilweise bestehen.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Bei jedem Szenario gilt aber auch: SeaSEC erprobt Aufklärung, nicht Wirkung. Hier liegt ein eklatanter Mangel der Übung. Außer einer erzwungenen, aber sehr vorsichtigen Drohnenlandung mittels Jammers, wird kein aufgeklärtes Ziel bekämpft.

Im Fall der Fälle müssten Drohnen jedoch auch unschädlich gemacht werden. Systeme dafür gäbe es – von der Schrotflinte über den Skyranger bis zum Anti-Torpedo-Torpedo. Doch deren Einsatz wird bei SeaSEC allenfalls mitgedacht.

Industrie in neuer Rolle

Doch aus den Reihen der Konsortien ist übereinstimmend zu hören, dass man sich bereits über die realen Testbedingungen im Freiwasser sehr freue. Systeme unter echten maritimen Bedingungen im Rahmen der SeaSEC zu validieren, sei sehr hilfreich.

In der "Operationszentrale" beobachten die Operator jede Bewegung ihrer Technik und registrieren erkannte Auffälligkeiten.
In der "Operationszentrale" beobachten die Operator jede Bewegung ihrer Technik und registrieren erkannte Auffälligkeiten.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Der Hersteller einer Unterwasserdrohne schildert es so: „Normalerweise benötigen wir pro Ausfahrt mit unserem System zwei Wochen Bürokratie.“ Behördliche Genehmigungen und ein Mangel an geeigneten Testgebieten werden von der Industrie immer wieder als Herausforderung genannt. Eine Übung wie DATA2SEA ist da eine willkommene, doch noch viel zu seltene Möglichkeit.

Auf Seiten der militärischen Veranstalter wurde zudem betont, dass die Industrie durch SeaSEC „gezwungen“ sei, ihre eigenen Produkte nicht nur zu verkaufen, sondern auch selbst einzusetzen. Diese Rolle als Operator ist für die teilnehmenden Techniker und Ingenieure völlig neu, wird aber gern angenommen.

„Ich glaube, DATA2SEA hat gezeigt, wie wichtig es ist, unter realistischen Bedingungen zu arbeiten“, zeigte sich Carine van Bentum, Director SeaSEC im niederländischen Verteidigungsministerium, zufrieden. „Es ist extrem schwierig, alle Sensoren in so kurzer Zeit zu integrieren, wie es der Industrie dieses Jahr gelungen ist, und zudem alle Informationen in Echtzeit an eine Betriebszentrale an Land zu übermitteln.“

Nach der Landung durch den Jammer überprüft erst ein Schreitroboter und dann ein Soldat die unbekannte Drohne.
Nach der Landung durch den Jammer überprüft erst ein Schreitroboter und dann ein Soldat die unbekannte Drohne.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Die surrende Drohne vom Anfang dieses Textes wurde nicht nur erkannt, sondern auch von einem Dutzend schwerbewaffneter Soldaten und einem Schreitroboter gestellt und unschädlich gemacht. Passierende Urlauber an der Warnemünder Mole konnten das Frühlingswetter auch akustisch wieder genießen.

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BundespolizeiDeutsche MarineKritisKritische InfrastrukturmaritimRheinmetallSeaSECÜbungUnbemannte Systeme
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