Informationsüberlegenheit durch Datenintegration – Datenanalyse wird zur Kernfähigkeit

Störungen von GPS-Signalen im Ostseeraum, Sabotage an kritischer Infrastruktur, Drohnen über militärischen Einrichtungen oder koordinierte Cyberangriffe auf logistische Systeme – sicherheitspolitische Krisen entwickeln sich heute häufig nicht mehr entlang klarer Frontlinien. Vielmehr entstehen sie aus einer Vielzahl einzelner Vorfälle, die für sich genommen zunächst unscheinbar wirken, in ihrer Gesamtheit jedoch auf koordinierte hybride Operationen hindeuten.

Drei US-Soldaten in voller Ausrüstung im Innenraum eines Militärfahrzeugs, ein Soldat bedient einen robusten Laptop
Auch taktisch mittlerweile von Relevanz: Datengewinnung-, -integration und schnelle Datenanalyse überall wird zur Kernfähigkeit, um eine Informationsüberlegenheit zu gewinnen. Dabei geht es nicht nur um die Daten, sondern vor allem um die Geschwindigkeit der Analysebereitstellung.
Foto: Cognyte

Genau hierin liegt eine der zentralen Herausforderungen moderner Streitkräfte. Das Einsatzumfeld umfasst heute längst nicht mehr ausschließlich Land-, Luft- oder Seeoperationen. Cyber- sowie Informationsraum und elektromagnetisches Spektrum sind zu eigenständigen Operationsdomänen geworden, die eng miteinander interagieren und erst in ihrer Kombination ein differenziertes Lagebild ermöglichen. Entscheidungen müssen deshalb auf Informationen beruhen, die aus unterschiedlichsten Quellen stammen und nahezu in Echtzeit bewertet werden können.

Vom Datenüberfluss zum Lagebild

Moderne Streitkräfte verfügen heute über eine nie dagewesene Informationsbasis. Satelliten liefern hochauflösende Bilder, Drohnen erzeugen kontinuierlich Aufklärungsdaten, Radarsysteme überwachen den Luftraum, Cyberabwehrzentren analysieren Angriffe auf militärische Netzwerke und Führungsinformationssysteme dokumentieren fortlaufend die Lage eigener Kräfte. Hinzu kommen SIGINT, Open Source Intelligence (OSINT), Geodaten, Logistikinformationen sowie Erkenntnisse verbündeter Streitkräfte und anderer Sicherheitsbehörden.

Torsten Oelze von Cognyte im dunklen Sakko und weißem Hemd vor unscharfem Hintergrund
Torsten Oelze, Vice President Europe bei Cognyte.
Foto: Cognyte

Unter dem Begriff „Daten“ sind dementsprechend weit mehr als klassische Sensordaten zu verstehen. Neben strukturierten Informationen wie Positions-, Status- oder Einsatzmeldungen gibt es eine Vielzahl unstrukturierter Inhalte aus Texten, Bildern, Videos oder Kommunikationsereignissen. Jede dieser Quellen liefert einen Teil der Realität und erst ihre Kombination ein vollständigeres Verständnis der Lage.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht mehr in der Verfügbarkeit von Informationen, sondern in ihrer Fragmentierung. Daten entstehen in unterschiedlichen Organisationen, unterliegen verschiedenen Geheimhaltungsstufen und werden in einer Vielzahl spezialisierter Systeme verarbeitet. Unterschiedliche Datenmodelle und -formate, proprietäre Anwendungen und fehlende Interoperabilität erschweren deren Analyse zusätzlich. Dadurch bleiben operative Zusammenhänge häufig verborgen oder werden erst erkannt, wenn wertvolle Zeit verstrichen ist.

Die Erfahrungen aus aktuellen Konflikten zeigen, dass gerade hybride Operationen diese Fragmentierung gezielt ausnutzen. Erst die zeitliche, geografische und operative Korrelation von Einzelereignissen und die kontinuierliche Beobachtung der Entwicklungen lässt erkennen, dass sie Teil einer übergeordneten gegnerischen Strategie sind.

KI beschleunigt Analyse und unterstützt Entscheidungen

Mit der wachsenden Menge verfügbarer Informationen stoßen klassische Auswertungsmethoden zunehmend an ihre Grenzen. Militärische Lagezentren und Nachrichtendienste müssen heute innerhalb kürzester Zeit tausende Meldungen aus unterschiedlichsten Quellen bewerten, priorisieren und in einen operativen Zusammenhang einordnen. Eine rein manuelle Analyse wird diesem Anspruch immer seltener gerecht.

Hier kommen KI-gestützte Investigative Analytics und Decision Intelligence ins Spiel. Sie ermöglichen es, Informationen aus unterschiedlichen Sensoren, Führungs- und Informationssystemen sowie nachrichtendienstlichen Quellen zusammenzuführen und miteinander zu korrelieren. Dabei werden strukturierte und unstrukturierte Daten in einen gemeinsamen operativen Kontext gebracht, kontinuierlich ausgewertet und zu einem konsistenten Lagebild verdichtet. Anstatt isolierte Informationen nebeneinander darzustellen, entstehen vernetzte Zusammenhänge, die sich laufend aktualisieren und über intuitive Visualisierungen, Karten oder Netzwerkdarstellungen für Analysten und Führungsstäbe aufbereiten lassen.

Auf dieser Grundlage lassen sich große Datenmengen kontinuierlich analysieren, Muster erkennen und Auffälligkeiten identifizieren, die in der Fülle der Informationen leicht übersehen würden. Kommunikationsmuster, Bewegungsprofile oder Netzwerkstrukturen werden deutlich schneller sichtbar und können unmittelbar in die Lagebewertung einfließen. So könnten Führungsstäbe vor einer militärischen Operation beispielsweise verstärkte Kommunikationsaktivitäten sowie ungewöhnliche Truppenverlegungen in einem Grenzgebiet registrieren. Durch die KI-gestützte Korrelation dieser Informationen mit Satellitenbildern, Drohnenaufklärung und weiteren Lageinformationen lassen sich Bewegungsrichtungen, operative Zusammenhänge und mögliche Handlungsoptionen des Gegners schneller erkennen und bewerten.

Zwei Soldaten in Tarnkleidung bedienen in einem steinigen Gelände einen robusten, mobilen Laptop zur Kommunikation
Datennutzung im Feld.
Foto: Cognyte

KI unterstützt – Menschen entscheiden

Gerade in hochdynamischen Einsatzlagen ist Zeit ein entscheidender Faktor. Je schneller relevante Informationen analysiert, bewertet und in einen operativen Kontext eingeordnet werden können, desto schneller lassen sich Entscheidungen treffen. Big-Data-Analyse-Tools und KI ersetzen dabei jedoch weder militärische Erfahrung noch operative Verantwortung. Sie schaffen vielmehr die Voraussetzungen dafür, dass Entscheidungen auf einer breiten, aktuellen und belastbaren Informationsbasis getroffen werden können.

Der Mehrwert liegt also nicht in einer automatisierten Entscheidungsfindung, sondern in der Unterstützung menschlicher Analysten. Moderne Analyseplattformen filtern Informationen nach ihrer Relevanz, stellen Zusammenhänge grafisch dar und priorisieren Hinweise, die für die aktuelle Lagebeurteilung von Bedeutung sein könnten. Dadurch können sich Analystinnen und Analysten auf die Bewertung der Ergebnisse konzentrieren, anstatt einen Großteil ihrer Zeit mit der manuellen Zusammenführung von Informationen zu verbringen. Und statt einer Vielzahl isolierter Meldungen erhalten Kommandeure und Führungsstäbe ein dynamisches Lagebild, das Entwicklungen priorisiert, potenzielle Auswirkungen verschiedener Handlungsoptionen transparent macht und den verfügbaren Entscheidungsspielraum aufzeigt.

Datensouveränität sichert Handlungsfähigkeit

Je stärker Streitkräfte auf datenbasierte Lagebilder und digitale Analysefähigkeiten angewiesen sind, desto wichtiger wird die Frage, wer die Kontrolle über diese Informationen und die zugrunde liegenden Systeme besitzt. Datensouveränität ist deshalb längst kein rein technisches Thema mehr, sondern eine strategische Voraussetzung für militärische Handlungsfähigkeit.

Einsatzkritische Informationen unterliegen hohen Anforderungen an Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit. Gleichzeitig müssen nationale Sicherheitsinteressen, Geheimhaltungsstufen und Zugriffsrechte jederzeit gewahrt bleiben. Moderne Analyse-Software und Datenplattformen müssen deshalb gewährleisten, dass Informationen organisations- und domänenübergreifend genutzt werden können, ohne dass Streitkräfte die Hoheit über ihre Daten oder Analyseprozesse verlieren.

Ebenso entscheidend ist die Frage, wo und wie diese Systeme betrieben werden. Je nach Einsatzszenario, Sicherheitsanforderungen und nationalen Vorgaben kommen unterschiedliche Bereitstellungsmodelle infrage – von vollständig isolierten On-Premises-Umgebungen über Private-Cloud-Lösungen bis hin zu hybriden Architekturen. Entscheidend ist dabei nicht das Betriebsmodell selbst, sondern die Möglichkeit, dieses an die jeweiligen operativen Anforderungen anzupassen und gleichzeitig die vollständige Kontrolle über Daten, Zugriffsrechte und Analyseprozesse zu behalten.

Darüber hinaus unterscheiden sich Analyseplattformen hinsichtlich der Rolle des Technologieanbieters. Während einige Lösungen weitgehend eigenständig durch Streitkräfte oder Behörden betrieben werden können, setzen andere auf eine engere operative Beteiligung des Herstellers – etwa bei Betrieb, Wartung oder Weiterentwicklung. Gerade im sicherheitskritischen Umfeld sollte deshalb sorgfältig geprüft werden, welches Maß an Unabhängigkeit langfristig erforderlich ist, um operative Fähigkeiten auch in geopolitisch angespannten Lagen eigenständig aufrechterhalten zu können.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen gewinnt dieser Aspekt zusätzlich an Bedeutung. Europäische Streitkräfte investieren zunehmend in digitale Fähigkeiten und interoperable Systeme, gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und kritische Kernfähigkeiten langfristig eigenständig betreiben zu können. Datensouveränität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Abschottung, sondern die Fähigkeit, jederzeit selbst über den Betrieb, die Weiterentwicklung und die Nutzung eigener Analyse- und Informationssysteme entscheiden zu können.

Mitarbeiter in einem Kontrollzentrum überwachen Datenströme vor einer Videowand mit der Visualisierung eines neuronalen Netzwerks
Lagebild in einem Führungskommando.
Foto: Shutterstock / Gorodenkoff

Informationsüberlegenheit entsteht durch Vernetzung

Die sicherheitspolitischen Herausforderungen der vergangenen Jahre zeigen, dass militärische Überlegenheit zunehmend von der Fähigkeit abhängt, Informationen schneller und besser auszuwerten als der Gegner. Der Krieg in der Ukraine, wiederholte Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur oder die zunehmenden Störungen von Satelliten- und Navigationssystemen verdeutlichen, dass moderne Konflikte längst mehrere Domänen gleichzeitig umfassen. Wer diese Entwicklungen isoliert betrachtet, erkennt häufig nur einzelne Vorfälle – wer sie miteinander verknüpft, gewinnt ein belastbares Lagebild.

Informationsüberlegenheit entsteht deshalb heute nicht mehr durch die größte Zahl an Sensoren oder die umfangreichste Datensammlung. Entscheidend ist die Fähigkeit, Informationen aus unterschiedlichsten Quellen in nahezu Echtzeit zu integrieren, ihren Kontext zu verstehen und daraus verwertbare Erkenntnisse für operative Entscheidungen abzuleiten.

Datenintegration, KI-gestützte Analyse und Decision Intelligence entwickeln sich damit von unterstützenden Technologien zu einer strategischen Kernfähigkeit moderner Streitkräfte und zu einem wesentlichen Baustein moderner Verteidigungsfähigkeit.

 

Text: Torsten Oelze,
Vice President Europe bei Cognyte

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