„Abstandsfähigkeit hat in allen Bereichen Priorität“, sagte der stellvertretende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Heico Hübner, heute Morgen in Berlin. Beim Ground Based Air Defence Summit legten Heer und Luftwaffe ihre Perspektiven auf die bodengestützte Luftverteidigung dar. Doch während die Heeresflugabwehrtruppe neu aufgestellt wird, merkt auch die Luftwaffe, dass sie „massiv aufstocken“ muss. So wird es laut Generalleutnant Günter Katz ein zweites Flugabwehrraketengeschwader geben müssen.
Der Luftraum über dem Gefechtsfeld ist längst nicht mehr nur eine „dritte Dimension“ für sporadische Beobachtung. Er ist zum hart umkämpften Raum geworden – verdichtet, gesättigt, technisiert. Drohnen, Loitering Munition, elektronische Kriegsführung und vernetzte Bedrohungsszenarien prägen heute die Realität moderner Militäroperationen.
Ohne Luftverteidigung keine Operationen
Was einst als Spezialthema, als Nebendisziplin behandelt wurde, ist „zur Kernfrage der militärischen Einsatzfähigkeit“ avanciert, stellte Veranstalter Tobias Ehlke in seiner Begrüßung auf dem GBAD-Summit fest. Mehr als 300 Vertreter aus Militär, Politik und Industrie sind dazu in die bundesdeutsche Hauptstadt gekommen.
„Ohne wirksame Luftverteidigung wird selbst die stärkste Landoperation am Ende des Tages scheitern“, zeigte sich Ehlke überzeugt. Er erinnerte an ein jüngst auf Defence Network erschienenes Interview mit Generalleutnant Hübner: Die Bedrohung aus der Luft kommt nicht mehr vereinzelt, sondern in Masse, in Tempo und in Gleichzeitigkeit.
Sich dieser „industrialisierten Bedrohung“ entgegenzustellen ist Dreh- und Angelpunkt des mittlerweile fünften GBAD-Summits. Ein Umstand, der für Wandel sorgte: Erstmalig hielt ein Heeresuniformträger die Keynote.
Das Heer – Abstandsfähigkeit auf allen Ebenen
Generalleutnant Heico Hübner, stellvertretender Inspekteur des Heeres, verdeutlichte die Perspektive der Landstreitkräfte. Sein Ausgangspunkt war eine neue Doktrin für die Zukunft: „Wir sehen Operationsraum der Zukunft als dreidimensional: vernetzt, datengetrieben, zunehmend transparent.“
Der Heeressoldat analysierte Erkenntnisse aus den Kriegen in der Ukraine und um den Iran. „Abstandsfähigkeit hat in allen Bereichen Priorität“, lautete seine Schlussfolgerung. „Damit steigen die Anforderungen an Reichweite und auch an Präzision bodengebundener Wirkmittel.“
Fünf zentrale Handlungsfelder für das Heer
Generalleutnant Hübner berichtete von gegenwärtig fünf miteinander verwobenen Handlungsfeldern für das Heer:
- Schutz gegen Bedrohung aus dem bodennahen Luftraum
- Indirekte Wirkung
- Elektronischer Kampf aller Truppen
- Tiefe Integration unbemannter Systeme
- Digitale Führungsfähigkeit und Einbindung von KI
Demnach steht GBAD auch im Heer an erster Stelle. „Mit der Abschaffung der Heeresflugabwehrtruppe“, so General Hübner, „haben wir vor nunmehr 10 Jahren – damals aus guten Gründen – entscheidende Fähigkeiten verloren, die wir jetzt mit hohem Aufwand wieder aufbauen müssen.“
Hübner sprach offen über ein zentrales Problem: Die modernen Luftverteidigungssysteme, die das Heer dafür brauche, werden nicht schnell genug verfügbar sein. Bis 2029 sei eben nicht mehr viel Zeit. „Wir brauchen materielle Zwischenlösungen, die deutlich rascher zur Verfügung stehen, um so kurzfristig in kritisch wichtigen Bereichen das Risiko zu minimieren und perspektivisch die zulaufenden Zielsysteme – die wir unverändert brauchen – dann in der Breite komplementär zu ergänzen“, so die Feststellung von General Hübner.
Ein besonderer Fokus liege auf der Notwendigkeit von Drohnenabwehrsystemen für die gesamte Truppe, nicht nur für spezialisierte Luftverteidigungseinheiten. Einfache, kostengünstige Systeme zur Flugzeug- und Drohnenabwehr müssen bei den Soldaten an der Front verfügbar sein, damit die hochwertigen Luftverteidigungssysteme nicht durch Masse gesättigt werden.
Wer dem General zuhörte, dem kamen die täglichen Karten aus der Ukraine in den Sinn: Hunderte farblich sortierte Linien zeigen Tag für Tag die russischen Angriffe durch Raketen und Shahed-Drohnen. Dezentral müsse deren Abwehr bereits an der Front durch entsprechende Heereskräfte erfolgen. So bliebe Luft für die Hochwert-Luftverteidigungssysteme, sich um Hyperschallraketen und ähnliche Bedrohungen zu kümmern.
Die Luftwaffe – Vier Jahre Transformation
Generalleutnant Günter Katz, Kommandierender General des Luftwaffentruppenkommandos in Köln, lieferte in seinem Vortrag zunächst eine Bestandsaufnahme Luftverteidigung der letzten vier Jahre seit der Ausrufung der Zeitenwende durch den damaligen Bundeskanzler. Er sprach von Patriot, Ozelot und Mantis, die es damals schon bzw, noch gab. Doch vor vier Jahren habe man überhaupt nicht über Drohnen nachgedacht. „Da hatten wir – wie der Berliner sagt – nüscht“, erinnert sich General Katz.
Seither habe sich bei der Luftwaffe viel getan. Die Teilstreitkraft hat mittlerweile Systeme wie IRIS-T SLM von Diehl Defence und das aus Israel anfangsbefähigte Luftverteidigungssystem Arrow 3. Laut Generalleutnant Katz sei gerade dieses ein absoluter „Gamechanger“: „Mit Patriot konnten wir Berlin schützen, mit Arrow schützen wir Deutschland.“
Dennoch werde Patriot bleiben. Man müsse vielmehr feststellen: „Es gibt nicht ein System, das alles abdecken kann.“ Das zeige auch das Beispiel Ukraine, deren Luftverteidigung man bei der deutschen Luftwaffe ganz genau beobachte.
Lessons Learned aus der Ukraine – Layered Air Defence
Die entscheidende Erkenntnis aus dem Ukrainekrieg für Generalleutnant Katz: Der Schlüssel ist der mehrschichtige Verteidigungsansatz. Grundsätzlich müsse man zur Luftverteidigung alles nutzen, was zur Verfügung stehe. Man könne durchaus Kampfflugzeuge auch gegen Shahed-Drohnen einsetzen – nicht, weil dies die effizienteste Lösung wäre, sondern aus strategischen oder politischen Gründen.
„Was die Ukrainer sehr erfolgreich machen, ist, dass sie Layers aufbauen; mehrere Schichten verteidigen“, fasste Generalleutnant Katz die ukrainische Vorgehensweise zusammen. „Es gibt nicht die eine Schicht und es gibt auch nicht die eine Waffe. Es wird alles genommen: von der Triple-A bis zu kleineren Waffen.“
Auch als Luftwaffen-Mann müsse er eingestehen, dass die kostengünstigen Systeme des Heeres in Zukunft „die (!) Mittel der Wahl“ bei der Abwehr von Drohnen sein werden – von kleinen Hightech-Flugkörpern bis zur Kanone auf einem Pick-up. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für den kommandierenden General des Luftwaffentruppenkommandos nicht in Einzelsystemen, sondern im vernetzen Ganzen: verbundene Waffen, integrierte Informationsflüsse, die Fähigkeit, die richtigen Systeme zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen.
2. Flugabwehrraketengeschwader als strategische Notwendigkeit
Auch wenn Generalleutnant Katz den Aufwuchs an Fähigkeiten beim Heer anerkennt, muss auch seine eigene Truppengattung im Bereich der bodengebundenen Luftverteidigung aufwachsen. Weitere Patriot- und IRIS-T-Systeme müssten und werden beschafft.
„Wir haben ein Geschwader, das führt bereits verschiedene Systeme und das funktioniert zukünftig nicht“, so Katz. „Deswegen ist uns als Luftwaffe klar, dass wir am Ende ein zweites Flugabwehrraketengeschwader brauchen und auch einführen werden.“
Ein zweites Geschwader bedeutet – auf dem Papier – eine Verdoppelung der Luftverteidigungskapazität und signalisiert, dass die Luftwaffe die Notwendigkeit verteilter, redundanter Strukturen erkannt habe. Auch wenn Generalleutnant Katz nicht über Stationierungen und Standorte sprach, so dürfte hier Süddeutschland im Fokus stehen.
Das Personalproblem – die eigentliche Herausforderung
Doch Katz machte auch deutlich, dass Material und Standorte die kleineren Probleme bei der Aufstellung eines zweiten Flugabwehrraketengeschwaders seien. Die größte Herausforderung sei und bliebe Personal.
Zwar habe sich das Ansehen der Bundeswehr in der Gesellschaft gebessert – sein Beispiel: Soldaten in Uniform wurden vor vier Jahren an Bahnhöfen und in Zügen oft kritisch beäugt, heute erfahren sie Respekt und Wertschätzung. Dennoch: Die Rekrutierung bleibe schwierig.
Hand in Hand: Heer und Luftwaffe
„Worauf kommt es jetzt an?“, fragte Generalleutnant Hübner zum Ende seines Vortrags. „Im engen Schulterschluss mit der Luftwaffe gilt es, unsere Zielsysteme und erforderlichen Zwischenlösung so zu harmonisieren, dass schnellstmöglich Wirkung entsteht.“ Die Zeiten, in denen Luftverteidigung ein Thema der einen oder anderen Teilstreitkraft war, seien vorbei.
Die Generale Hübner und Katz signalisierten Einigkeit in einer zentralen Frage: Die Wirkung entsteht nicht durch isolierte Systeme, sondern durch integrierte Luftverteidigungsarchitekturen, bei denen Heer und Luftwaffe ihre Ressourcen und Fähigkeiten bündeln und aufeinander abstimmen.
Bodengebundene Luftverteidigung – eine Umbruchsituation
Deutschland steht bei der bodengebundenen Luftverteidigung an einem Wendepunkt: Während die industrielle Basis ausgebaut wird und sich Beschaffungsprozesse beschleunigen, muss auch Personal rekrutiert, ausgebildet und gehalten werden.
Die Neuaufstellung der Heeresflugabwehrtruppe und ein zweites Flugabwehrraketengeschwader sind richtige Entscheidungen zum Schutz der eigenen Bevölkerung und der Truppe, die schnellstmöglich gestaltannehmen müssen – genau darum wird es in den zwei Tagen des GBAD-Summits gehen.
„Am Ende entscheidet das, was wir gemeinsam und ganz praktisch daraus machen“, war sich Generalleutnant Hübner sicher. „Kriegstüchtigkeit entsteht in den Truppenteilen auf den Übungsplätzen, in den Gefechtsstellen, an den Truppenschulen. Dort wird gedacht, erprobt und ausgewertet, dort müssen wir wissen, was funktioniert oder was nicht funktioniert. Dort müssen neue Verfahren entstehen, bevor der Gegner uns diese aufzwingt.“
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!
Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:





















