Beim exklusiven Defense Circle 2026 im Berliner China Club wurde vergangene Woche klar: Deutschland muss offener über Verteidigung sprechen – nicht aus Kriegslust, sondern aus Realismus. Bei dem Treffen sprachen neben dem kosovarischen Verteidigungsminister, Industrievertretern und deutschen Parlamentariern auch Generalleutnant Günter Katz, kommandierender General des Luftwaffentruppenkommandos, und CPM-Verleger Tobias Ehlke. Ihre Reden machten deutlich, dass Spannungen nicht unbedingt bei fehlendem Material liegen.
In den Reden und Diskussionen beim Defense Circle – einer von business factors Deutschland GmbH initiierten Veranstaltung – ging es ausnahmsweise einmal nicht um fehlendes Gerät, vergeudetes Start-up-Potenzial oder Drohnen. Es ging um Grundsätzliches, um die Debatte hinter den Schlagzeilen.
So lautete eine zentrale These des Abends, dass es Sicherheit kein Nischenthema mehr sei und es eine öffentliche Debatte zur Verteidigung brauche. Aufgestellt wurde sie von Tobias Ehlke, der mit dem CPM Verlag mehrere Formate zum Thema Gesamtverteidigung publiziert.
Die These ist unbequem, aber gerade deshalb wichtig. Ehlke beschrieb ein Dilemma, in dem sich freie Demokratien befinden: „Wir gehen von Ordnungen aus, unsere Gegner testen ihre Bruchstellen. Wir binden uns ans Recht, Normen und Verfahren, unsere Gegner instrumentalisieren genau diese Bindung, wenn es ihnen nützt.“
Ehlke verdeutlichte auf dem Defense Circle das mit einem Bild, das sein Gespräch mit einem israelischen Freund kurz zuvor prägte. Beide spielen nach gemeinsam definierten Regeln – bis ein dritter Spieler kommt und den Teller zerschlägt mit den Worten: „Das sind jetzt die neuen Regeln.“
Genau dieses Szenario beschreibt die Herausforderung, vor der der Westen steht. Nicht die Frage, ob man seine Werte aufgeben sollte, sondern wie man sie verteidigt, wenn der Gegner eben nicht nach denselben Spielregeln spielt.
Sicherheit als Existenzfrage der Demokratie
Die zentrale Erkenntnis aus der Rede des Verlegers beim Defense Circle war prägnant: Verteidigung ist kein Nischenthema für Generäle und Minister – es ist die Grundfrage freier Gesellschaften. Ehlke meint, wer regelbrechende Gegner hat, kann nicht hoffen, sich durch Rechtsstaatlichkeit allein zu schützen.
Ehlke formulierte den scheinbaren Widerspruch auf dem Defense Circle so: „Die Antwort auf regelbrechende Gegner kann nicht die Selbstaufgabe des Rechts sein, aber auch nicht die Illusion, Recht allein würde uns schützen.“
Das bedeutet im Klartext: Wehrhaftigkeit ist keine Ergänzung zu Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Deutschland hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, Sicherheit als stabilen Hintergrund zu betrachten – ein Zustand, den Ehlke nicht Friedensdividende, sondern „Friedenshypothek“ nennt. Die Rechnung darauf würde jetzt präsentiert; und sie käme mit Zinsen.
Stolz auf die Bundeswehr – General Katz‘ Appell
Generalleutnant Katz setzte beim Defense Circle einen ganz anderen Akzent der öffentlichen Kommunikation über Verteidigung. Er sprach von einem Defizit, das typisch deutsch sei: der Unfähigkeit, stolz zu sein. In einem Gespräch mit einem französischen Piloten beim Anblick eines Großteils der neu beschafften Transportflugzeuge A400M sei ihm das bewusst geworden.
Der Franzose habe zu Katz gesagt: „Ich bin echt neidisch auf euch, auf das Geld, das ihr bekommt, und die Fähigkeiten, die ihr in den Streitkräften habt.“ Das habe den General nachdenklich gemacht. Er habe festgestellt, dass es eine Sache gäbe, „die wir Deutschen wirklich nicht können. Und das ist stolz zu sein. Stolz auf die Fähigkeiten, die wir haben; auf die Männer und Frauen, die tagtäglich in Übungen und Auslandseinsätzen im Einsatz sind. Und darauf können wir stolz sein.“
Dieser Satz wiegt schwer. Denn ohne gesellschaftliche Anerkennung, ohne einen gewissen Stolz auf militärische Leistungsfähigkeit, wird es schwer, die besten Köpfe für die Bundeswehr zu gewinnen.
Generalleutnant Katz berichtet jedoch auch von einem Wandel: Wo Soldaten in Uniformen vor vier Jahren auf Bahnfahrten wahlweise hämische oder beleidigende Kommentare einstecken mussten, gibt es heute Interesse und Anerkennung. Das sei mehr als nur ein kultureller Shift, es sei eine notwendige Voraussetzung für die Zeitenwende.
Dabei hat gerade die Luftwaffe tatsächlich beeindruckende Fortschritte gemacht. Der F-35 kommt ab 2027 nach Deutschland, die Eurofighter werden modernisiert, neue Luftverteidigungssysteme wie die IRIS-T und das bereits eingetroffene und bis 2029 vollzählig einsatzbereite Arrow-Luftverteidigungssystem schließen Fähigkeitslücken. Katz formuliert es anschaulich: Mit IRIS-T SLM könne man Berlin schützen. Mit der Arrow schütze man Deutschland.
Defense Circle – Unbehagen einer freien Gesellschaft
Was beide Reden zusammenbringt, ist die Erkenntnis, dass Deutschland sich in einer neuen Phase befindet – nicht nur technisch und militärisch, sondern auch psychologisch und gesellschaftlich. Ehlke warnt vor der falschen Wahl zwischen Selbstaufgabe und Illusion. Katz zeigt, dass die Bundeswehr liefert und dass diese Leistung auch gesellschaftlich anerkannt werden darf.
Doch die eigentliche Debatte wurde auch auf dem Defense Circle 2026 nur angerissen, keinesfalls gelöst: Wie hält man als freie, rechtsstaatliche Gesellschaft an den eigenen Werten fest, während man sich gegen Gegner verteidigt, die eben nicht an dieselben Werte gebunden sind?
Die Antwort verlangt weder Kriegslust noch naive Friedenssehnsucht. Sie verlangt Realitätssinn, Mut zur offenen Debatte und auch … ein Stück Stolz auf die eigenen Fähigkeiten und Werte, die es zu verteidigen gibt.
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