„Die Welt erwacht gerade aus der Illusion des freien Handels, an die sie sich lange gewöhnt hatte“ – mit dieser These eröffnete Baykar-CEO Haluk Bayraktar gestern die SAHA 2026 in Istanbul. Mit der Messe will sich die Türkei als rüstungsindustrielle Macht zwischen Ost und West etablieren. Über 1.700 Aussteller aus 120 Ländern und erwartete Vertragsabschlüsse von 8 Milliarden US-Dollar sollen aus der fünften Ausgabe der SAHA mehr als eine Messe machen: Die Veranstalter sehen in ihr den Ausdruck eines Wandels in der globalen Sicherheitsarchitektur. Der dürfte auch für den Welthandel von entscheidender Bedeutung sein. Auf den ersten Blick entfalten die acht gut gefüllten Messehallen eine enorme Wirkung. Doch hält die SAHA auch einem zweiten Blick stand?
In seiner Eröffnungsrede zeichnete Bayraktar, Chairman des Veranstalters SAHA Istanbul und CEO des türkischen Drohnenherstellers Baykar, ein düsteres Bild der aktuellen Weltlage: „In dieser Zeit zunehmender globaler Unsicherheiten“ sei SAHA 2026 der Punkt, an dem „gemeinsamer Verstand auf Technologie trifft“, so Bayraktar vor dem türkischen Verteidigungsminister und Dutzenden internationalen Delegationen. Die Konfliktherde von der Ukraine, über die Straße von Hormus bis in die aktuellen kämpfe in Afrika, mussten nicht explizit genannt werden.
Der Wirtschaftsboss sprach in einer abgedunkelten Messehalle vor Tausenden Gästen und einer gewaltigen Videoleinwand. Martialisch das wenige Sekunden zuvor gezeigte Video, welches einen Bogen von der Überlegenheit osmanischer Kanonen zur heutigen Rüstungsindustrie der türkischen Republik zog. Kaan, der türkische Kampfjet der 5. Generation donnert über die Leinwand, zahllose unbemannte Systeme aus allen Dimensionen folgten. Ein Opener, wie auf einem Rockkonzert.
Moderne Kriegsführung manifestiert sich als die Summe aus Technologie und industrieller Produktionskapazität.
– Haluk Bayraktar, CEO Baykar
Doch was den anwesenden Generälen einheizen soll, geht nicht völlig an der Realität vorbei: Die Zunahme von Drohnen in der Ukraine und andernorts beweise laut Bayraktar, dass militärische Doktrinen heute auf autonome Systeme umgeschrieben würden. Software bestimme häufiger das Geschehen.
Doch der türkische Drohnen-Boss warnte eindringlich vor „digitaler Knechtschaft“ und „Techno-Feudalismus“ durch Abhängigkeit vom Ausland: „In einem System, in dem Algorithmen und Daten anderen gehören, kann man nicht von vollständiger Souveränität sprechen.“ Ein Punkt, der auch in anderen europäischen Staaten mit Blick auf die USA diskutiert wird.
SAHA – Rekordteilnahme und Milliardengeschäft
Laut Angaben der Veranstalter bringt die diesjährige SAHA über 1.700 Aussteller aus mehr als 120 Ländern auf einer Fläche von über 400.000 Quadratmetern zusammen. Während der fünf Tage sollen 203 neue Produkte offiziell gelauncht und 164 Unterzeichnungszeremonien durchgeführt werden.
Dabei zeigt sich die SAHA weniger als Rüstungsschau, denn als tatsächliche Handelsmesse. So sollen bei der vorherigen Ausgabe 2024 Geschäfte im Volumen von 6,2 Milliarden US-Dollar abgeschlossen worden sein. Für Beschaffungswesen nach europäischem Vergaberecht eine nicht zu erreichende Zahl. Für 2026 erwarten die Organisatoren noch eine deutliche Steigerung. Bereits vor Messebeginn wurden 173 Verträge im Gesamtvolumen von acht Milliarden US-Dollar angekündigt, davon sechs Milliarden für den Export.
Verteidigungsexporte der Türkei auf Rekordniveau
Bayraktar präsentierte den vielen Dutzenden Generälen – die von Südamerika, über Afrika bis aus Ostasien angereist waren – beeindruckende Zahlen zur Entwicklung der türkischen Verteidigungsindustrie. Die Lokalisierungsquote sei von rund 20 Prozent Anfang der 2000er Jahre auf aktuell 83 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr durchbrach die Türkei erstmals die Schwelle von zehn Milliarden US-Dollar bei Verteidigungsexporten. Für 2026 wird ein Exportvolumen von 13 Milliarden US-Dollar angestrebt.
„Wir haben uns von einem Land, das früher nur einfache Bauteile exportierte, zu einem Technologiezentrum gewandelt, das heute einen Anteil am Export von Hochtechnologie hat – von smarter Munition bis hin zu unbemannten Systemen“, betonte Bayraktar. Gerade Drohnen haben der türkischen Rüstungsindustrie zu internationaler Anerkennung verholfen. Exportiert wurden aber ebenso gepanzerte Fahrzeuge und ganze Schiffe.
Der aktuelle Stolz der türkischen Marine – der Drohnenträger TCG Anadolu – wird im Rahmen der SAHA ebenfalls in Istanbul zu besichtigen sein. Auch bei diesem in Spanien entwickelten Schiff zeigt sich der türkische Fokus auf unbemannte Systeme, bei denen Unternehmen wie Baykar mittlerweile eine sehr große Palette anbieten können.
Vision: Drohnenzentren in allen 81 Provinzen
Ein zentrales Element der Eröffnungsrede war Bayraktars Ankündigung, die Einnahmen aus der SAHA 2026 in den Aufbau eines landesweiten Netzwerks von Drohnenproduktions- und Ausbildungszentren zu investieren. „Wir werden Schritt für Schritt eine Infrastruktur aufbauen, welche die technologischen Kompetenzen unserer Jugend in diesem Bereich stärkt und die Kapazität schafft, im Ernstfall schnell Millionen von Drohnen zu produzieren“, erklärte Bayraktar.
Unser Ziel ist es nicht nur, Technologie zu produzieren, sondern eine „Technologiegeneration“ heranzuziehen, die diese Technologie nutzt und weiterentwickelt.
– Haluk Bayraktar, CEO Baykar
Geplant sind 81 Zentren – eines für jede türkische Provinz. Sollte es so kommen, würde die Türkei mit diesem Vorhaben der Rüstungsindustrie einen Grundstein für Skalierbarkeit legen, der eine deutlich engere Verzahnung von Industrie und Gesellschaft bedeutet, als es in Deutschland denkbar wäre. Das Vorhaben erinnert eher an die oft zitierten „ukrainischen Hausfrauen“.
Live-Demonstrationen und Highlights im Außenbereich
Doch zurück zur Messe selbst: Im Außenbereich finden sich vom kleinen UGV bis zum Kampfpanzer Altay eine Reihe türkischer Fahrzeuge. Hier wird allerdings auch ein Symptom deutlich, welches im Inneren der acht Hallen erst auf den zweiten Blick ersichtlich wird: Zwar sind Aussteller aus 120 Ländern auf der SAHA vertreten, doch handelt es sich bei diesen meist um kleinere Unternehmen und Zulieferer. Auch die Hallen selbst sind deutlich kleiner, als beispielsweise die Nürnberger Hallen der Enforce Tac.
Aus Deutschland sind laut Ausstellerliste 69 Unternehmen vertreten – Branchengrößen wie Rheinmetall, Diehl Defence oder Airbus Helicopters sind nicht darunter. Andere, wie das Start-up Stark, sind nur mit einem kleinen Tisch vertreten. Im Außenbereich findet sich von internationaler Seite – neben einem norwegischen Hersteller von Schlauchbooten – immerhin ein Mock-up des Eurofighters. Der von BAE Systems bestreute Stand weist die Türkei bereits als 10. Nutzerstaat aus.
Eindruck macht der Fuhrpark von Aselsan – Das türkische Systemhaus scheint so ziemlich alles auf den Hof gestellt zu haben, was man derzeit anbieten kann. Die Bandbreite reicht von kleinen Drohnenabwehrlösungen bis zu großen mobilen Radaren und Launchern. Sie sind Teil der „Stählernen Kuppel“ – dem türkischen Gesamtsystem für die Luftverteidigung.
Einen guten Ansatz verfolgt die Messe jedoch mit gleich mehreren innovativen Demonstrationsbereichen im Außengelände:
- FPV Drone Zone: Vorführung von First-Person-View-Drohnenrennen und taktischen Manövern
- SAHA UGV Challenge: Unbemannte Bodenfahrzeuge in komplexem Gelände
- SAHA Rover Challenge: Fokus auf autonome Weltraumfahrzeuge
SAHA Istanbul Ökosystem: Mehr als eine Messe
Das SAHA Istanbul Cluster hat sich seit seiner Gründung mit ursprünglich 27 Mitgliedern zu Europas größtem Industriecluster mit über 1.300 Mitgliedsunternehmen und 30 Universitäten aus 49 türkischen Städten entwickelt.
„Ein Projektvolumen von 14,3 Milliarden Dollar, das von mehr als 88.000 qualifizierten Arbeitskräften verwaltet wird, sowie eine Exportkapazität von über 8 Milliarden Dollar belegen die operative Effizienz des SAHA-Ökosystems in Istanbul“, so Bayraktar. Die Ausgabe 2026 solle diese Bedeutung in einer Veranstaltung widerspiegeln.
SAHA 2026 als Manifestation türkischer Verteidigungsambitionen
Die SAHA 2026 zeigt sich als weit mehr als eine Verteidigungsmesse. Sie ist Ausdruck des türkischen Anspruchs, eine eigenständige technologische Macht zu sein und eine Alternative zu US-amerikanischen, europäischen oder chinesischen Herstellern zu bieten. Mit kampferprobten Systemen, günstigen Preisen und einem breiten Technologieangebot positioniert sich die Türkei als attraktiver Partner für Länder, die genau in dieser Lücke suchen.
Für die Istanbuler Messe bedeutet dies aber auch: Die SAHA ist – trotz Eigenbezeichnung – nicht als Internationale Messe für Verteidigung, Luft- und Raumfahrt zu verstehen, sondern vielmehr als konzentrierte Werbeaktion der heimischen Industrie. Verwerflich ist das nicht, erklärt aber das große Tamtam, welches um die Messe gemacht wird. International sollen hier die Käufer sein. Auch das fällt auf: Während auf einer Paris Air Show oder der Enforce Tac viele Soldaten – also die eigentlichen Nutzer – unterwegs sind, sucht man türkische Mannschaften und Unteroffiziere auf der SAHA vergeblich.
Die Veranstaltung läuft noch bis zum 9. Mai 2026 und erwartet über 150.000 Besucher. Ab dem dritten Tag können auch zivile Besucher und Jugendliche die neuesten Entwicklungen türkischer Rüstungsindustrie hautnah erleben – ganz im Sinne von Bayraktars Vision, eine „Technologie-Generation“ heranzubilden.
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