Nach Angaben des US-Luftwaffenministeriums (Department of the Air Force) ist es unwahrscheinlich, dass die US Air Force (USAF) ihr derzeitiges Ziel von 1.145 Flugzeugen für Primäreinsätze erreichen wird. Dennoch strebt die Luftwaffe an, bis 2035 insgesamt 1.558 Kampfflugzeuge im Dienst zu haben. Da Collaborative Combat Aircraft (CCAs) nicht auf dieses Ziel angerechnet werden, stellt sich die Frage: Wie sollen diese höheren Stückzahlen erreicht werden?

Der am 4. September 2026 veröffentlichte Bericht des US-Kongressforschungsdienstes (Congressional Research Service, CRS) mit dem Titel „Air Force Fighter Force Structure: Background and Issues for Congress“ wirft einige ernsthafte Fragen hinsichtlich der Fähigkeiten der US Air Force (USAF) und ihrer Fähigkeit zur Machtdemonstration und -projektion auf.
Im Rahmen seiner Verantwortung für die Überwachung der Finanzierung und Zusammensetzung der US Air Force gemäß Title 10 des US Code ist der US-Kongress damit betraut sicherzustellen, dass der Secretary of the Air Force über einen Bestand von mindestens 1.145 Kampfflugzeugen für Primäreinsätze verfügt. Dabei handelt es sich um Flugzeuge, die mit dem Präfix F oder A bezeichnet sind. Diese sogenannten „combat coded“ aircraft führen Luft-Luft- und Luft-Boden-Einsätze, SEAD-Missionen (Unterdrückung der gegnerischen Luftverteidigung), Aufklärungsmissionen, Close Air Support (CAS), Unterstützung bei Combat Search and Rescue (CSAR) sowie luftgestützte Forward-Air-Controller-Missionen (FAC) durch.
Zum 5. Mai 2026 verfügte die USAF über 1.098 „primary mission aircraft“, auf die sie zurückgreifen konnte, wobei die Genauigkeit dieser Zahl durchaus infrage gestellt werden kann. So wurde beispielsweise am 9. September eine A-10C Thunderbolt nach einem iranischen Raketenangriff auf den Luftwaffenstützpunkt Muwaffaq Salti in Jordanien als Totalverlust abgeschrieben; außerdem wurden acht F-15E Strike Eagle beschädigt. Diesen Verlusten stehen die Auslieferungen von F-35A gegenüber, deren Zahl seit Mai auf schätzungsweise sechs Maschinen beläuft.
Die US Air Force betrachtet die Gründe für diesen allgemeinen Fehlbestand an Flugzeugen als komplex. In einem geheim eingestuften Anhang zu ihrem Bericht „Long-Term USAF Fighter Force Structure“ vom Oktober 2025 an den Congressional Defense Committee erklärte das Department of the Air Force (DAF), dass es aufgrund einer Reihe von Faktoren wahrscheinlich nicht möglich sein werde, das Ziel von 1.145 Flugzeugen zu erreichen.
Zu diesen Faktoren gehören die Wartbarkeit und Zuverlässigkeit einer Kampfflugzeugflotte mit einem Durchschnittsalter von 27,4 Jahren. Darüber hinaus sieht sich die USAF mit „Einschränkungen“ bei der Produktionskapazität, der Einsatzbereitschaft, der Instandhaltung und dem Personal konfrontiert.

Diese Personalprobleme umfassen einen Mangel an Piloten und Wartungstechnikern. Gleichzeitig erhalten die bereits im System befindlichen Kräfte nur eine „begrenzte Ausbildung“ und sehen sich zudem mit „Engpässen“ zwischen den einzelnen Ausbildungskursen konfrontiert. Dies deutet darauf hin, dass die bloße Bereitstellung weiterer Flugzeuge nicht automatisch zu einer höheren Kampffähigkeit führen wird, da parallel zur steigenden Zahl der Flugzeugzellen auch entsprechend ausgebildetes Personal bereitgestellt werden muss.
Ziele der US Air Force: Außer Reichweite?
Obwohl die USAF erklärt, dass sie die Zahl von 1.145 Flugzeugen voraussichtlich nicht erreichen wird, plant sie paradoxerweise, bis 2035 insgesamt 1.558 Kampfflugzeuge im Dienst zu haben. Als Zwischenziel sind 1.369 Flugzeuge bis 2030 vorgesehen. Dies soll vor allem durch die Ausmusterung älterer F-16 und deren Ersatz durch weitere F-35 und F-15EX sowie durch die derzeit in Entwicklung befindliche Boeing F-47 erreicht werden.
Die US Air Force hat erklärt, dass Collaborative Combat Aircraft (CCA) den „Einsatz von bemannten Kampfflugzeugen verbessern“ werden. Ihre Anzahl wird jedoch nicht in die Gesamtzahl der Flugzeuge für Primäreinsätze eingerechnet. Die Frage lautet daher: Wie sollen diese höheren Stückzahlen erreicht werden?
Das derzeit angestrebte Kontingent von 1.145 Flugzeugen wird unter der Bezeichnung Primary Mission Aircraft Inventory (PMAI) geführt. Die USAF möchte diese Bezeichnung jedoch in Combat Coded Total Aircraft Inventory (CC TAI) ändern. Der neue Begriff umfasst auch den „Back-up Aircraft Inventory“ sowie die „Attrition Reserve Aircraft“.
Dieser begriffliche Kunstgriff erhöht zwar die Zahl der erfassten Flugzeuge, doch diese stellen aufgrund von Faktoren wie dem Mangel an Piloten und Wartungstechnikern keine zusätzliche Kampffähigkeit bereit. Allerdings geht es nicht ausschließlich um die Anzahl der Flugzeuge auf dem Vorfeld.
Ein weiterer Problembereich betrifft die Verfügbarkeit der Flugzeuge. Im Juni 2026 veröffentlichte das US Government Accountability Office (GAO) einen Bericht über die Instandhaltung und Einsatzbereitschaft der F-35. Die Ergebnisse waren besorgniserregend: Die F-35 war bei lediglich 44 Prozent der Flüge „Mission Capable“ – also in der Lage, zumindest Teile eines Einsatzes durchzuführen – und bei nur 25 Prozent der Flüge „Fully Mission Capable“, also in der Lage, das vollständige Missionsspektrum zu erfüllen. [Siehe Warsight, F-35 Fleet Mired in Readiness Issues]. Der Kongress prüft derzeit die Vorlage der USAF gemeinsam mit seinem eigenen Bericht. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Frage, ob die aktuellen Operationen im Iran die Annahmen des DAF-Berichts „stützen oder infrage stellen“.
Die Frage nach der Verfügbarkeit von Flugzeugen für operative Einsätze wird häufig übersehen. So war die gesamte Flotte der USAF im Jahr 2024 durchschnittlich 31,7 Jahre alt und stand nur 53,9 Prozent der Zeit zur Verfügung.
Wie die aktuellen Probleme mit der Verfügbarkeit der F-35 zeigen, führen moderne Flugzeugzellen mit ihren komplexen Systemen und ihrer umfangreichen Software nicht automatisch zu einer höheren Einsatzbereitschaft. Dadurch verringert sich wiederum die Fähigkeit, eine wirksame Kampfwirkung zu erzielen. Wird die F-47 besser abschneiden?

Vielleicht betrifft der letzte zu berücksichtigende Faktor die US-Luft- und Raumfahrtindustrie und ihre Fähigkeit, die neue F-47 zu entwickeln und sowohl diese als auch bereits vorhandene Plattformen wie die F-35 und F-15EX auszuliefern. Der Bericht des Kongresses bezeichnet diese Probleme als „industrielle Einschränkungen“ (Industrial Constraints). Dazu gehören Schwierigkeiten bei der Einstellung und Bindung von Ingenieuren. Unter Berufung auf die American Industries Association, die Interessenvertretung der US-amerikanischen Flugzeughersteller, wird prognostiziert, dass „die Montagelinien der Luft- und Raumfahrtindustrie im kommenden Jahrzehnt mit Personalmangel konfrontiert sein könnten“.
Abschließende Gedanken
Als technologisch hochentwickelte Nation sind die USA weltweit führend bei wissenschaftlich getriebener Innovation. Dies führt häufig dazu, dass sich das Militär von der Technologie und dem Versprechen ihrer scheinbar grenzenlosen militärischen Wirksamkeit verführen lässt, ohne die harten Realitäten von Logistik, Ausbildung und Instandhaltung ausreichend zu berücksichtigen. Diese Faktoren bilden jedoch die Grundlage für die Verfügbarkeit von Flugzeugen und sind entscheidend dafür, tatsächlich militärische Wirkung zu erzielen.
Dieses Problem ist ein nationales Problem, da es auch die US-Luft- und Raumfahrtindustrie und ihre Fähigkeit betrifft, militärische Anforderungen zu unterstützen. Die USA arbeiten bereits an einem stärker koordinierten Ansatz für ihre Schiffbauindustrie. Vielleicht ist es an der Zeit, auch den Luft- und Raumfahrtsektor des Landes und seine Beziehungen zum Militär genauer unter die Lupe zu nehmen?
Autor: Dr. Trevor Nash, Warsight
Nach einer Laufbahn in der British Army, in der er sich auf die Luftverteidigung spezialisierte, war Trevor Nash, PhD, vier Jahre in der Ausbildungs- und Simulationsbranche tätig, bevor er als Verteidigungsjournalist tätig wurde und sich auf die Themen Ausbildung und Simulation konzentrierte.
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