Aktuell geht eine Meldung durch die Presse, dass die Bundeswehr die durch sie durchgeführten Tierversuche ausweiten will. Besonders verstörend: Zu den dabei genutzten Tieren zählen neben Ratten und Meerschweinchen auch Hunde. Hintergrund dieser Nachricht ist die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken. Doch was nach einem Aufreger klingt, ist bei genauerer Betrachtung deutlich differenzierter.
Zur Einordnung muss erst einmal die Definition eines Tierversuches betrachtet werden. Im Rahmen der Tierversuche durch die Bundeswehr sind dabei vor allem zwei Sätze im deutschen Tierschutzgesetz wichtig.
- „Tierversuche im Sinne dieses Gesetzes sind Eingriffe oder Behandlungen zu Versuchszwecken an Tieren, wenn sie mit Schmerzen, Leiden oder Schäden für diese Tiere verbunden sein können (…).“
- „Als Tierversuche gelten auch Eingriffe oder Behandlungen, die nicht Versuchszwecken dienen, und (…) die zu Aus-, Fort- oder Weiterbildungszwecken vorgenommen werden, soweit eine der in Satz 1 Nummer 1 bis 3 genannten Voraussetzungen vorliegt.“
Gleichzeitig führt die Bundeswehr nur solche Tierversuche auf, die auch in den Einrichtungen der Bundeswehr durchgeführt werden. Das gesamte medizinische und pharmazeutische Studium findet allerdings an zivilen Universitäten statt, dortige Forschungen erhalten also keinen Eingang in die Auflistung der Bundeswehr.
In der aktuellen Antwort auf die Anfrage der Linken benennt die Bundeswehr zudem zwar öffentlich keine Zahlen – unter Verweis auf die nationale Sicherheit – diese lassen sich aber aus den vorigen, noch nicht geheimen Zeiträumen schließen.
So fanden von 2014 bis 2019 insgesamt 2.303 Tierversuche durch die Bundeswehr bzw. in Einrichtungen der Bundeswehr statt. Die größte dabei „genutzte“ Tiergruppe waren Ratten (1.772) gefolgt von Meerschweinchen (290) und Mäusen (83). An vierter Stelle standen allerdings bereits Hunde (76).
Bundeswehr-Tierversuche an Hunden
Bei den Hunden wiederum handelt es sich um jene Diensthunde, die gemeinsam mit ihren Diensthundeführern in Einsätze gehen. Es sind meistens belgische Schäferhunde, die Bundeswehr betreibt auch eine eigene Zucht in kleinem Rahmen.
Während für die Soldaten und Hunde in Kasernen oder Feldlagern medizinische Fachkräfte vorhanden sind, gilt dies nicht für die Einsätze, auf welche sich beispielsweise die Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) vorbereiten. Sie agieren jenseits der sichernden Strukturen und müssen deshalb im Ernstfall selbst erste Hilfe leisten, auch bei ihren Hunden.
Der Erste Hilfe Kurs für Diensthundeführer, um ihre Hunde im Ernstfall erstversorgen zu können, findet in Büchel in Rheinland-Pfalz statt, wo auch die Bundeswehr-Tierklinik für Hunde ist – und der Altersruhesitz für jene pensionierten Diensthunde, die den Ruhestand aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Herrchen verbringen können.
Bei diesem Erste Hilfe Kurs lernen die Diensthundeführer viel über die Anatomie ihres Hundes und medizinische Grundkenntnisse, wie beispielsweise Blutdruckmessung, Druckverband oder auch Mund-zu-Schnauze-Beatmung. Teils wird dies an einem speziellen Trainingsdummy geübt, teils am eigenen Hund.
Mit zu der Ausbildung gehört auch das Legen einer Kanüle, um beispielsweise stabilisierende Flüssigkeiten in den Hund zu bringen. Dies wird natürlich ebenfalls erstmal an Dummies geübt, nur gehört es zur Ausbildung, wenigstens einmal auch eine Spritze bzw. Kanüle am eigenen Diensthund zu legen. Sicherlich kein großer Schmerz, aber auch nicht schmerzfrei, weshalb dies als Tierversuch im Sinne des Gesetzes gilt.
Jeder dieser 76 zwischen 2014 und 2019 als Tierversuch aufgezählten Hunde gehörte also zu einem Diensthundeführer, der den Erste Hilfe Kurs für Hunde der Bundeswehr in Büchel absolvierte. Hier erklärt sich eventuell auch der Grund, warum die Informationen aktuell als VS-NfD eingestuft werden, da sich aus der Anzahl an Tierversuchen an Hunden die Anzahl der Erste Hilfe Kurse ableiten lässt, was wiederum auf die Anzahl an für Einsätze ausgebildete Spezialhunde bzw. Diensthundeführer schließen lässt.
Forschung mit Ratten – die „echten“ Tierversuche
Neben diesen erklärlichen und im Grunde dem Wohl der Hunde dienenden Tierversuche gibt es noch die ethisch problematischen Tierversuche, für die hauptsächlich Ratten, aber auch Meerschweinchen verwendet werden. Die Fraktion der Linken fragte hierzu konkret zu den Zielen der Tierversuche in der transnationalen bzw. angewandten Forschung sowie der nichtregulatorischen Toxikologie und Ökotoxikologie. Die Bundesregierung antwortete darauf: „Ziele sind die Identifikation von Wirkstoffen zur Behandlung neuromuskulärer Störungen infolge von Nervenkampfstoffvergiftungen und die Verbesserung der pharmakologischen Therapie von Vergiftungen durch phosphororganische Verbindungen sowie verschiedene Kampfstoffe.“
Übersetzt bedeutet dies, dass die Tiere einer solchen Vergiftung durch chemische Kampfstoffe ausgesetzt werden, damit danach die Behandlungsmethoden ausprobiert werden können. Im Anschluss ist zudem mit der Tötung der Tiere zu rechnen, um bei der Sezierung zu weiteren Erkenntnissen zu kommen. Die Tiere werden also gezüchtet, nur unter Laborbedingungen gehalten, erleiden Schmerzen und werden schließlich getötet. Ein Happy End ist für diese Tiere nicht vorgesehen.
Die Bundeswehr bemüht sich zwar, Tierversuche in bestimmten Bereichen durch komplexe Zellkulturmodelle zu ersetzen, dies ist allerdings nicht überall möglich. Dementsprechend antwortete nun auch die Bundesregierung auf die Frage der Linken: „Aufgrund der hohen Komplexität der Fragestellungen und vor dem Hintergrund der veränderten geopolitischen Lage ist bis zum Jahr 2029 mit einem Anstieg entsprechender Forschungsvorhaben zu rechnen.“
Gleichzeitig macht die Bundesregierung aber auch deutlich: „Grundsätzlich gilt, dass die Bundeswehr keine Mittel für Projekte oder Aufträge einsetzt, die sich ausschließlich mit Tierversuchen befassen. Vielmehr handelt es sich bei den beauftragten Vorhaben durchgehend um komplexe und vielschichtige Projekte, in denen tierexperimentelle Anteile – sofern überhaupt vorhanden – lediglich einen untergeordneten Bestandteil zur Erreichung übergeordneter wissenschaftlicher oder sicherheitsrelevanter Zielsetzungen darstellen.“
Die Bundeswehr muss sich also denselben ethischen Problemen stellen, die Forschung mittels Tierversuchen immer mit sich bringt. Gleichzeitig ist nicht jeder Tierversuch ethisch verwerflich, wie das Beispiel der Hunde zeigt.
Übung von Kriegsverletzungen an Schweinen
Eine weitere Besonderheit im Bereich der Bundeswehr-Tierversuche stellt das sogenannte Life Tissue Training (LTT) dar, bei dem an lebenden Schweinen Kriegsverletzungen simuliert werden, damit die Mediziner deren Behandlung üben können. Dieses Training wird allerdings durch einen externen Anbieter durchgeführt, weshalb die dabei verwendeten Schweine nicht in der Tierversuchsliste der Bundeswehr geführt werden, sondern in der Liste dieses Anbieters.
Allerdings betont die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken: „Die Bundeswehr stellt die ärztliche Fortbildung ‚Teamtraining Chirurgie; Damage Control Surgery (DCS)‘ zur Ausbildung spezialisierter OP-Teams über einen externen Anbieter sicher. Die in diesem spezialisierten Training eingesetzten Tiere befinden sich während der Durchführung in tiefer Narkose, das heißt in einem Zustand vollständiger Schmerz- und Wahrnehmungslosigkeit, und werden im Anschluss an das Training unter Aufrechterhaltung der Narkose getötet.“
Keine Tiere als selbstständige Waffenträger
Neben den Fragen zu Tierversuchen wollte die Linke auch wissen, ob der Einsatz von Tieren als selbstständige Waffenträger geplant sei oder bereits durchgeführt werde. Doch hier konnte die Bundesregierung Entwarnung geben: „Derzeit sind keine Projekte geplant, die auf den Einsatz von Tieren als Waffen, ‚Drohnen‘ oder in vergleichbarer Weise abzielen. Der Einsatz von Diensttieren erfolgt unabhängig davon ausschließlich im Rahmen bestehender Strukturen und in Verbindung mit entsprechend ausgebildeten Führerinnen und Führern (z. B. bei Diensthunden oder auch bei Tragtieren).“
Delphine mit aufgeschnallten Minen wird man bei der Bundeswehr also nicht finden. Wenn überhaupt, dann einen Mörser-Muli, bei dem ein Maultier der Gebirgsjäger das entsprechende System – gemeinsam mit Soldaten – durch die Alpen trägt. Doch hier agieren Tier und Soldat als Einheit, wie bei den Diensthunden, inklusive Grundlagen in medizinischer Erstversorgung.










