Wie aus einer heute veröffentlichten Ausschreibung hervorgeht, nimmt das BAAINBw die Beschaffung von 500 Fusionsbrillen für die Spezialkräfte in Angriff. Gefordert wird ein hochleistungsfähiges System mit 18-mm-Bildverstärkerröhren, Wärmebildfusion und Augmented-Reality-Fähigkeiten. Defence Network hat sich umgehört, welche Anbieter sich bewerben könnten und welche Anforderungen nicht in der öffentlichen Ausschreibung stehen.

Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat heute die Beschaffung einer neuen Fusionsbrille für die Spezialkräfte auf den Weg gebracht. Unter dem Titel „Fusionsbrille SpezKr Bw“ ist die europaweite Ausschreibung seit heute unter anderem auf der Vergabeplattform des Bundes einsehbar. Beschafft werden sollen 500 Fusionsbrillen sowie 150 sogenannte smarte Batteriepacks.
Gefordert wird laut Ausschreibung eine binokulare Lösung für das stereoskopische Sehen im Kurz- und Mittelbereich. Die Brille soll zwei Restlichtverstärkerkanäle mit Wärmebildtechnik kombinieren und in unterschiedlichen Einsatzszenarien der Spezialkräfte, unter anderem beim Fallschirmsprung, eingesetzt werden können.
Fusionsbrille – Wenn Nachtsicht und Wärmebild verschmelzen
Eine Fusionsbrille kombiniert die beiden wichtigsten Technologien für das Sehen bei schlechten Lichtverhältnissen: Restlichtverstärkung und Wärmebildtechnik. Während Bildverstärkerröhren vorhandenes Licht verstärken und damit ein klassisches Nachtsichtbild erzeugen, macht der Wärmebildkanal Temperaturunterschiede sichtbar.

Durch das Zusammenführen beider Bilder können beispielsweise Personen oder Fahrzeuge auch dann erkannt werden, wenn sie sich optisch nur schwer vom Hintergrund abheben.
Für Spezialkräfte ist diese Kombination besonders von Bedeutung. Sie verbessert nicht nur die Fähigkeit zur Zielerfassung bei völliger Dunkelheit, sondern kann auch bei Rauch, Nebel oder teilweiser Deckung Vorteile gegenüber einer reinen Nachtsichtbrille bieten.
Was öffentlich bekannt ist – und was nicht
Die öffentlich zugängliche Bekanntmachung beschreibt die grundlegenden Anforderungen. Nach Informationen von Defence Network geht der tatsächliche Anforderungskatalog jedoch deutlich weiter.

So soll die Beschaffung nicht nur für das Kommando Spezialkräfte (KSK), sondern auch für die Spezialkräfte der Marine (KSM) vorgesehen sein. Das habe zur Folge, dass bei der Erprobung nach Informationen aus Industriekreisen nicht nur die in der Ausschreibung genannte WTD 91 in Meppen und das KSK in Calw beteiligt. Auch eine zweite Wehrtechnische Dienststelle – vermutlich die WTD 71 (Wehrtechnische Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen, Maritime Technologie und Forschung) – soll in den Auswahlprozess eingebunden sein. Auch ist davon auszugehen, dass das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB in die Tests eingebunden wird.
Die Nutzung durch das KSM spiegelte sich wohl ursprünglich auch in den Anforderungen wider. Nach Informationen aus Industriekreisen war beispielsweise eine Tauchtiefe von 20 Metern als Anforderung vorgesehen. Diese Forderung soll im weiteren Verlauf jedoch verworfen worden sein, da kein Anbieter die dafür notwendigen technologischen Anforderungen mit einem marktverfügbaren System hätte erfüllen können.
Mehr als Fusion: Fähigkeit für Augmented Reality
Eine weitere zentrale Vorgabe soll die Bildverstärkerröhren betreffen. Nach Defence Network vorliegenden Informationen fordere die Bundeswehr 18-mm-Röhren, obwohl einige Anbieter verstärkt auf die kleineren 16-mm-Röhren setzen. Ob sie zeitnah Fusionsbrillen auch mit größerem Durchmesser für die Tests der Bundeswehr bereitstellen können, ist fraglich.

Noch interessanter ist eine weitere nicht direkt in der Ausschreibung genannte Forderung: Die neue Fusionsbrille für deutsche Spezialkräfte soll laut Insidern Augmented-Reality-fähig sein. Das würde auch die Nennung der „smarten Batteriepacks“ erklären, da bei einigen Anbietern diese Technologie in einem externen Batteriepack integriert ist. Damit geht die Ausschreibung über die reine Fusion von Restlicht- und Wärmebild hinaus.
Augmented Reality (AR, zu Deutsch: Erweiterte Realität) bedeutet, dass zusätzliche Informationen direkt in das Sichtfeld eingeblendet werden. So können die Soldaten beispielsweise Zielinformationen, Entfernungen, Kompass oder andere taktische Daten im Sichtfeld erhalten. Dazu muss das System allerdings an einen taktischen Datenlinks angebunden sein, um die Daten zu empfang oder auch in ein BMS (z. B. SitaWare) exportiert werden zu können.
Dass diese Funktion technisch bereits realisierbar ist, zeigen bestehende Systeme. Die von der US Army beschaffte Enhanced Night Vision Goggle–Binocular (ENVG-B) verfügt beispielsweise über AR-Funktionen und kann Entfernungs- und Richtungsinformationen im Sichtfeld darstellen. Beliefert wird das Programm sowohl von L3Harris als auch von Elbit System.

Auch THEON bietet AR-Fähigkeiten an – bisher allerdings nur als Clip-On und nicht in die eigene Fusionsbrille integriert (Defence Network berichtete).
Der mögliche Anbieterkreis
Ursprünglich hätte die heute veröffentlichte Ausschreibung offenbar deutlich enger angelegt werden sollen: gezielt auf zwei Hersteller zugeschnitten, deren Systeme die geforderten Fähigkeiten bereits weitgehend abdecken.
Inzwischen hat sich der Markt jedoch weiterentwickelt. Grundsätzlich sind mehrere Unternehmen in der Lage, die von der Bundeswehr geforderten Fusionslösungen anzubieten. Nach Informationen von Defence Network soll deshalb die Rechtsabteilung des BAAINBw auf einem offenen Vergabeverfahren bestanden haben.

Als ein möglicher Kandidat zeichnet sich L3Harris aus den USA ab. Das Unternehmen verfügt mit dem bereits erwähnten Anteil an ENVG-B über ein bereits eingeführtes und in großen Stückzahlen produziertes Fusionssystem. Die Brille kombiniert zwei 18-mm-Nachtsichtverstärkerröhren mit einem Wärmebildkanal und wurde von der US Army für Close-Combat-Kräfte ausgewählt. Auch bei ukrainischen Spezialkräften ist die amerikanische ENVG-B seit 2025 im Einsatz.
Allerdings ist L3Harris keineswegs konkurrenzlos. Auch Elbit Systems verfügt aus denselben Gründen über erhebliche Erfahrung mit Fusionsbrillen. Zumindest die US-Tochter des israelischen Konzerns. Sowohl L3Harris als auch Elbit Systems dürfen ihre ziemlich baugleichen Systeme jedoch nicht außerhalb der USA anbieten. Denkbar sind allenfalls abgestufte Varianten für die Bundeswehr.
Auch Theon kommt grundsätzlich als Kandidat infrage. Das Unternehmen verfügt über umfangreiche Erfahrung bei binokularen Nachtsichtgeräten und war bereits in US-amerikanischen Fusionsprogrammen als Zulieferer beteiligt. Die technologische Reife des aktuellen Produktportfolios ist allerding nicht so umfassend, wie es die Ausschreibung erfordert; nicht zuletzt, da die THEON im Bereich IR und AR bisher mit Clip-Ons arbeitet. Für THEON spricht allerdings, dass das griechische Unternehmen durch Zukäufe über eine industrielle Basis in Deutschland verfügt.

Auch der britische Anbieter Thermoteknix könnte sich für die deutsche Ausschreibung interessieren. Das Unternehmen aus Cambridge verfügt über langjährige Erfahrung mit der Kombination von Bildverstärkung und Wärmebildtechnik. Auch Thales aus Frankreich verfügt grundsätzliche über umfangreiche Kompetenz im Bereich militärischer Optronik.
Erprobung wird zum entscheidenden Schritt
Ob aus den möglichen Kandidaten tatsächlich mehrere konkurrenzfähige Angebote entstehen, dürfte sich spätestens bei der technischen Erprobung zeigen. Das BAAINBw verlangt von geeigneten Bewerbern jeweils vier Systeme für die Voruntersuchungen zwischen Ende Januar und April 2027. Die jeweiligen Tests sollen bis zu vier Tage dauern und unter Beteiligung von technischem Personal des Anbieters durchgeführt werden.
Damit steht die Beschaffung der Fusionsbrillen für deutsche Streitkräfte noch ganz am Anfang. Bis zum 19. Oktober 2026 können Unternehmen zunächst ihre Teilnahme am Verfahren erklären. Anschließend dürfte sich entscheiden, welche Systeme tatsächlich in die Erprobung gelangen.
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