Bei der Übung „Hedgehog 2025″ in Estland führten ukrainische Drohnenteams den NATO-Streitkräften ihre Verwundbarkeit gegen moderne Drohnenkriegführung vor Augen. Vorgestern berichtete das Wall Street Journal über die Überlegenheit der Ukrainer; „NATO-Blamage“ titelte ein großes deutsches Boulevard-Blatt. Doch die Lehren aus der Übung sind differenzierter, als viele Schlagzeilen suggerieren.
Hedgehog 2025: Was im Mai in Estland geschah
16.000 NATO-Soldaten aus zwölf Staaten, darunter eine britische Brigade und eine estnische Division, übten im Mai 2025 Szenarien aus dem Ukraine-Krieg. Ihre Gegner: ukrainische Soldaten, die direkt von der Front kamen – Fachleute im Drohnenkrieg. Das Ergebnis war ernüchternd.
Wie das Wall Street Journal jüngst berichtete, soll ein einzelnes Team von etwa zehn Ukrainern 17 gepanzerte NATO-Fahrzeuge zerstört und 30 weitere Angriffe durchgeführt haben. Die Ukrainer sollen dafür gerade einmal einen halben Tag benötigt haben. „We are fucked“, soll nach Angaben des WSJ das Resümee eines NATO-Kommandeurs gelautet haben.
Die NATO-Truppen bei Hedgehog 2025 seien ohne Deckung, ohne jede Tarnung herumgelaufen, hätten Zelte und gepanzerte Fahrzeuge frei sichtbar platziert – in einem Szenario, welches durch die allgegenwärtige Präsenz von Aufklärungsdrohnen zum gläsernen Gefechtsfeld geworden ist. Ein Leichtes für die Ukrainer, mit ihren Drohnen die NATO-Truppen zu bekämpfen und zu besiegen.
Warum die Ukrainer bei der NATO-Übung überlegen waren
Spott und Häme lassen da nicht lange auf sich warten. Erneut hört man Stimmen, die das Ende von Kampfpanzern herbeireden und von der Überlegenheit von Drohnenschwärmen sprechen. Doch der Schlüssel zum ukrainischen Erfolg lag nicht in der genutzten Technologie allein, sondern in der Kombination aus Kampferfahrung, schneller Entscheidungsfindung und dem Gefechtsfeldmanagementsystem Delta.
Delta sammelt Echtzeitinformationen, analysiert mit künstlicher Intelligenz riesige Datenmengen und koordiniert Angriffe über Kommando- und Einheitengrenzen hinweg. Das ermöglicht eine schnelle „Kill Chain“: Aufklären, Mitteilen, Schießen – alles in Minuten.
Das Wall Street Journal zitiert Maria Lemberg von der ukrainischen NGO Aerorozvidka, die Deltas Entwicklung unterstützte. Sie diagnostiziert bei vielen NATO-Mitgliedern ein „grundlegendes Missverständnis des modernen Schlachtfelds“.
Soldaten würden „basierend auf Doktrinen und Handbüchern trainiert, die nicht an die heutigen Realitäten angepasst sind“. Die NATO-Kampfgruppe bewegte sich, als wäre das Gefechtsfeld noch undurchsichtig – ein fataler Irrtum gegen einen Gegner, der jahrelange Fronterfahrung mitbringt.
Was nach den Schlagzeilen über Hedgehog 2025 bleibt
Hedgehog 2025 simulierte bewusst ein spezifisches Szenario: einen umkämpften und überfüllten Gefechtsraum mit begrenzter Bewegungsfreiheit auf estnischem Territorium, stark angelehnt an das, was in der Ukraine heute Alltag ist – mit ein wenig mehr Bewegung.
Ein NATO-Krieg gegen Russland sähe jedoch fundamental anders aus als der ukrainische Abwehrkrieg. Die NATO würde mit umfassender Luftüberlegenheit, weitreichender Präzisionsmunition, satellitengestützter Aufklärung und integrierten Luftverteidigungssystemen kämpfen – Fähigkeiten, die die Ukraine nur eingeschränkt besitzt.
Der ukrainische Drohnenkrieg, wie er sich heute darstellt, ist auch eine Antwort auf fehlende konventionelle Mittel: Drohnen kompensieren, was an Artillerie, Luftwaffe und Raketenabwehr fehlt. Die NATO plant mit überlegender Feuerkraft, während die NATO-Mitglieder derzeit daran arbeiten, diese mit einem Ausbau der Rüstungsindustrie auch zu erreichen.
Hedgehog 2025 – Lehren für die NATO im Drohnenkrieg
Ein Grabenkrieg mit einem mehrere Kilometer langem Frontbereich – ein Stellungs- und Abnutzungskrieg – ist genau das, was die NATO unbedingt verhindern möchte. Ohne Frage sind die Lektionen aus Hedgehog wertvoll für einzelne Szenarien begrenzter Intensität, aber sie bilden nicht das gesamte Spektrum eines NATO-Russland-Krieges ab. Ein solcher Krieg – den es durch geschlossenes Auftreten und militärische Abschreckung zu verhindern gilt – würde auf NATO-Seite mit noch moderneren Streitkräften und in allen Dimensionen geführt.
Der estnische Oberst Probal, Leiter des Programms für unbemannte Systeme der estnischen Streitkräfte, erklärte gegenüber dem Wall Street Journal, Ziel der Übung Hedgehog sei es gewesen, „die Teilnehmer zum Nachdenken anzuregen, sie selbstkritisch zu machen und sicherzustellen, dass sie nicht selbstzufrieden mit dem sind, was sie gerade tun“.
Aus seiner Sicht sei genau das gelungen, die Mission also erfüllt. Die Briten haben beispielsweise längst ihre Lehren aus der Übung gezogen (Defence Network berichtete).
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!
Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:
















