Ist die Hyperschallrakete Ch-47M2 Kinschal amerikanisch?

Navid LinnemannNavid Linnemann

„Bei der russischen Kinschal sind 155 von 197 Teilen amerikanisch” lautete eine Schlagzeile in dieser Woche. Mit der Zahl sorgte ein ukrainisches Medium für Aufmerksamkeit. Bedeutet das, dass Russlands Prestigewaffe praktisch aus den USA kommt? Ein Blick in die Daten des ukrainischen Militärgeheimdienstes zeigt: Die Antwort ist komplizierter und trotzdem brisant.

Russisches Kampfflugzeug MiG-31K der Luftstreitkräfte mit einer luftgestützten Rakete vom Typ Ch-47M2 Kinschal im Flug
Ein Kampfflugzeug vom Typ Mikojan-Gurewitsch MiG-31K der russischen Luftstreitkräfte führt eine luftgestützte ballistische Rakete vom Typ Ch-47M2 Kinschal mit.
Foto: kremlin.ru / CC BY 4.0

Das ukrainische Analyseportal Slovo i Dilo veröffentlichte am Mittwoch einen Artikel und eine eindrückliche Infografik, die für Erstaunen sorgte: In der russischen Rakete „Kinschal” seien 155 von 197 Teilen amerikanischer Herkunft. Dass Russland bei seiner Waffenproduktion auch auf westliche Komponenten setzt, ist bekannt. Doch in diesem Ausmaß? Skandalverdächtig.

Noch schlimmer: Nicht nur stamme der überwiegende Teil aus den USA, Russland selbst produziere sogar nur ein einziges Bauteil für seine Kinschal. Die Zahlen stammen aus Daten des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR. Der betreibt das Portal „War & Sanctions”, auf dem Bauteile aus geborgenen russischen Waffen einzeln dokumentiert sind, mit Bezeichnung, Aufdruck, Hersteller und Herstellerland.

Slovo i Dilo – das mit „Wort und Tat“ übersetzt werden kann – zählte mit Berufung auf diese Einträge: 155 Teile kommen von Herstellern mit Sitz in den USA, 17 aus Japan, 10 aus der Schweiz, 7 aus Taiwan, 2 aus Deutschland, je eines aus Belarus, Südkorea, China und Großbritannien.

Der „Dolch“ – Hyperschall-Luft-Boden-Rakete

Die Ch-47M2 Kinschal ist eine luftgestützte ballistische Rakete. Sie wird von einem modifizierten Kampfflugzeug MiG-31K abgeschossen, pro Maschine kann nur ein Exemplar mitgeführt werden.

Es kursieren verschiedene Daten zu den technischen Daten der Kinschal. Je nach Quelle ist sie sieben bis acht Meter lang, hat einen Durchmesser von 92 bis 120 Zentimetern und eine Reichweite zwischen 500 und über 2.000 Kilometern. Bei der Reichweite könnte die große Spannweite darin begründete sein, ob das Trägerflugzeug miteinberechnet wird oder nicht.

Der Gefechtskopf soll demnach etwa 400 bis 500 Kilogramm wiegen. Es gibt einen konventionellen und einen nuklearen Gefechtskopf. Zu Beginn der Endphase soll die Kinschal nach russischen Angaben eine Geschwindigkeit von bis zu 12.000 km/h (MACH 10) erreichen und dennoch manövrierfähig sein – der Grund, warum die Hyperschallrakete als schwer abzufangen gilt.

Kinschal – Einsatz und Bilanz

Die Kinschal kam im Krieg gegen die Ukraine erstmals im März 2022 zum Einsatz. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden bisher mehr als 230 Exemplare abgefeuert, die meisten davon 2025.

Im Mai 2023 meldete die Ukraine, mit Patriot-Systemen sechs Kinschal-Raketen in einer Nacht abgefangen zu haben, was das US-Verteidigungsministerium bestätigte.

Seit April 2026 soll die Serienproduktion nach HUR-Angaben ausgesetzt sein. Als Grund wird angenommen, dass sich Russland auf die Produktion bodengestützter Hyperschallraketen konzentriert, um den Einsatz der Trägerflugzeuge begrenzen zu können. Dennoch soll das Land noch rund 50 Stück vorhalten. Parallel soll eine neue Variante mit Splitter-Sprengkopf entwickelt werden.

Bauteile aus der Schweiz und Deutschland

Laut „War & Sanctions“ stammen nicht nur 155 Bauteile aus den USA, sondern auch zehn aus der Schweiz. Darunter ein DC/DC-Wandler des Herstellers Traco Power, der in der Antennen- und Navigationseinheit sitzt und 18 bis 26 Volt in ±15 Volt umsetzt. Solche Wandler versorgen die empfindliche Elektronik mit stabiler Spannung. Auch Halbleiter von STMicroelectronics werden als Bestandteile der Kinschal aufgelistet.

Aus Deutschland kommen zwei Komponenten: Erstens eine SMD-Leistungsinduktivität (eine Spule) des Typs WE-HCI von Würth Elektronik. Ein kleines Standardbauteil der Elektronik mit einem Listenpreis von 2,99 Euro. Das zweite vom ukrainischen Geheimdienst als deutsch gelistete Produkt ist ein Leistungs-MOSFET vom Typ IRF540ZS. Bei dem N-Kanal-Transistor aus der HEXFET-Familie handelt es sich um ein Produkt von Infineon. Auf „War & Sanctions“ wird jedoch das Produktionsjahr 2006 angegeben. Der damalige US-Hersteller International Rectifier gehört allerdings erst seit 2025 zu Infineon.

Hier werden gleich zwei Problem der ukrainischen Auflistung deutlich: Einerseits können Produkte von Tochterfirmen in ganz anderen Ländern produziert worden sein, als es der Herstellersitz vermuten lässt (das Würth-Bauteil könnte aus China stammen) und andererseits sind viele der genannten Bauteile vergleichsweise alt. Russland griff für seine Kinschal-Produktion demnach auf Altbestände zurück, die möglicherweise vor Beginn des Angriffs auf die Ukraine bereits importiert wurden.

Wichtig ist: Das gilt für die Kinschal – bei anderen Systemen umgeht Russland tatsächlich westliche Sanktionen.

Die wahre Herkunft der Hyperschallrakete

Doch zurück zur Ausgangsfrage nach dem US-amerikanischen Ursprung der Kinschal. Folgt man der von Slovo il Dilo genannten Quelle zum ukrainischen Geheimdienst, dann findet man dort tatsächlich die genannten 155 Bauteile aus den USA – aber noch eine ganze Menge mehr.

So soll die Rakete zu rund 90 Prozent aus Teilen der bodengestützten Iskander-M-Rakete besteht und sich aus vielen Baugruppen zusammensetzen, deren Hersteller durchgehend russisch sind:

  • das Feststofftriebwerk (Kombinat Kamensky),
  • der aktive Radar-Suchkopf (NPP Radar MMS),
  • der durchschlagende Gefechtskopf (GosNIIMash),
  • Trägheitsnavigation und Laserkreisel (NII Polus),
  • das störfeste Satellitennavigationssystem „Kometa-R8″ (VNIIR-Progress),
  • Störsender, Stromversorgung und Antennen,

Auch die Entwicklung und Gesamtintegration der Kinschal soll im Konstruktionsbüro KBM erfolgt sein. Der HUR nennt insgesamt 58 russische Unternehmen in der Lieferkette. 58 russische Unternehmen, während nur ein Bauteil aus Russland, der Großteil aus den USA stammen soll? Wie geht das zusammen?

Gehirn aus dem Westen, Körper aus Russland

Die Aussagen von Slovo il Dilo sind tatsächlich korrekt, aber sie werden leicht missverstanden. Die 197 Einträge, auf die sich Artikel und Infografik beziehen, sind keine Stückliste der gesamten Rakete. Sie beschreiben ausschließlich identifizierte Elektronikbauteile aus den bisher untersuchten Baugruppen: Mikroprozessoren, Speicherchips, programmierbare Logikbausteine, Wandler, Transceiver.

Triebwerk, Zelle, Gefechtskopf und Navigationsmodule sind nach den Daten des ukrainischen Portals russische Produkte. Bei Triebwerk, Gefechtskopf und „Kometa-R8“ sind dort gar keine ausländischen Bauteile aufgeführt.

Von einer amerikanischen Rakete kann man also nicht sprechen. Wohl aber von einer russischen Rakete mit amerikanischem, genauer: westlichem Gehirn. Gerade die Elektronik für Suchkopf, Rechner und Steuerung ist systemkritisch. Russland kann die dafür notwendigen Bauteile bislang nicht selbst fertigen und offenbar noch nicht durch Bauteile aus dem verbündeten China ersetzen.

Verständlicherweise fordert die Ukraine, die Kontrolle über die Ausfuhr der genutzten Technologien zu verschärfen. Schlagzeilen, nach denen ein Großteil der Bauteile eines russischen Waffensystems ursprünglich aus den USA stammen, sind bei genauer Betrachtung zwar nicht stichhaltig – können aber dafür sorgen, das Bewusstsein für genau diese Exportkontrolle zu schärfen.

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