Israel hat bislang darauf verzichtet, die Ukraine mit Waffensystemen zu unterstützen. Der Grund dafür ist, Moskau nicht zu verärgern. Nach dem Aufstand in Syrien und dem dortigen Regimewechsel gab es Einschätzungen, wonach sich diese Politik ändern könnte, doch dazu kam es bislang nicht.
Nun argumentiert eine neue Studie von Gregory Poroskon, dass Israel anerkennen müsse, dass die Ukraine sowohl auf politischer als auch auf operativer Ebene zu einem bedeutenderen Akteur im Nahen Osten werde.
Dem Forscher zufolge ist die Ukraine kein Ersatz für Israels regionale Partner, stellt jedoch eine Quelle einzigartiger Erfahrungen dar, die bereits von den Golfstaaten nachgefragt werden und auch für Israel wertvoll sein könnten. Jerusalem sollte die Ukraine als Partner für Lernen und Weiterentwicklung in technisch-operativen Bereichen betrachten, darunter faseroptisch gesteuerte Drohnen, kostengünstige Abfangsysteme, Drohnenkriegführung sowie der Einsatz unbemannter maritimer Systeme.
„Diese Beziehung sollte mit Vorsicht entwickelt werden. Doch die gegenwärtige Trägheit, den ukrainischen Faktor faktisch zu ignorieren, wird zunehmend irrational. Eine Politik des Wegschauens und Heraushaltens könnte dazu führen, dass Chancen verpasst werden – etwa die schnelle Anpassung militärischer Einheiten an Drohnenbedrohungen – und sogar direkter Schaden entsteht, falls Israel von der pro-ukrainischen Sanktionskoalition als schwaches Glied im Handel mit russischen Frachtgütern wahrgenommen wird“, schreibt Poroskon in seiner Studie.
Nach Ansicht des israelischen Forschers besteht keine Notwendigkeit, die Politik gegenüber der Ukraine in eine tiefgehende und öffentlichkeitswirksame Partnerschaft umzuwandeln. Die Zusammenarbeit könne vielmehr über vertrauliche professionelle Informationsaustauschmechanismen erfolgen – sowohl beim Umgang mit unbemannten Bedrohungen als auch beim Aufbau eines effektiven zwischenstaatlichen Dialogs über problematische Fracht russischen Ursprungs.
Zudem müsse Israel die Ausweitung ukrainischer Aktivitäten gegen russische Schiffe und Vermögenswerte im Mittelmeer beobachten. Dies sei notwendig, um potenzielle Risiken für Schifffahrtsrouten, maritime Versicherungen und israelische Wirtschaftsinteressen zu bewerten sowie operative Erkenntnisse für die israelische Marine zu gewinnen.
„Israels Gesamtansatz sollte daher pragmatisch bleiben: praktische Lehren ziehen, unnötige Konfliktfelder minimieren und einen präzisen, professionellen und weniger reaktiven Dialog mit Kiew aufrechterhalten“, so Poroskon.
Ukraine kein neuer Akteur im Nahen Osten
Er schreibt weiter, dass die Ukraine kein völlig neuer Akteur im Nahen Osten sei. Während des Krieges mit Russland agierte sie in der Region zumindest als Verhandlungspartner bei Gesprächen, die von Staaten des Nahen Ostens ausgerichtet wurden. Die Veränderungen im militärischen Kräfteverhältnis zwischen Kiew und Moskau sowie insbesondere die Konfrontation mit dem Iran, die das Sicherheitsgleichgewicht am Persischen Golf erschütterte, hätten jedoch die Handlungsmöglichkeiten der Ukraine erweitert und sie zu einem aktiveren und einflussreicheren Akteur im Nahen Osten gemacht.
Poroskon erläutert: „Während der Jahre der russischen Aggression sammelte die Ukraine umfangreiche Kampferfahrung unter realen Gefechtsbedingungen. Ein großer Teil davon basierte auf der Auseinandersetzung mit iranischen Technologien, insbesondere mit den von Teheran an Russland gelieferten Shahed-Drohnen. Im Laufe der Zeit verbesserten die Russen diese Technologien, entwickelten neue operative Lösungen und transferierten diese schließlich zurück in den Iran. Die iranischen Angriffe auf Golfstaaten im März und April, die in erheblichem Maße auf diesen Verbesserungen beruhten, legten Schwächen hinsichtlich Kosteneffizienz, Reaktionsgeschwindigkeit und Durchhaltefähigkeit der Luftverteidigungssysteme dieser Staaten offen.“
Der Forscher schreibt, dass die russische Unterstützung für den Iran offenbar Verbesserungen bei Kommunikations-, Navigations- und Präzisionsfähigkeiten der Shahed-Drohnen umfasste. Hinzu gekommen seien taktische Hinweise zum Einsatz von Drohnenschwärmen, zu Flughöhen, dem Timing von Angriffswellen und der gezielten Überlastung von Luftverteidigungssystemen sowie satellitengestützte Aufklärung zur Zielsteuerung.
Möglicherweise habe die Unterstützung auch faseroptisch gesteuerte FPV-Drohnen umfasst. Zwar seien diese bislang im Iran nicht beobachtet worden, jedoch habe die Hisbollah bereits begonnen, ähnliche Technologien gegen Israel einzusetzen.
„Darüber hinaus scheint die iranische Methode zum Angriff auf Energieinfrastruktur unter anderem von russischen Taktiken inspiriert zu sein, die zuvor gegen die Ukraine eingesetzt wurden“, so Poroskon.
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