Im Ernstfall muss der Transport verwundeter Soldatinnen und Soldaten reibungslos verlaufen – vom Sanitäter an der Front bis zum Arzt in der deutschen Notaufnahme. Hier kommt es auf zivil-militärische Zusammenarbeit in Reinform an. Damit das klappt, üben Hilfsorganisationen und Bundeswehr derzeit bei Medic Quadriga 2026 erstmals die vollständige Rettungskette vom Baltikum bis nach Deutschland. Ein Besuch vor Ort zeigt, wie abhängig militärische Verteidigung von ziviler Hilfe wirklich ist.
Schon länger kursiert eine vom Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr ausgegebene Zahl, die zunächst willkürlich klingt, aber von dramatischer Bedeutung ist. Bis zu 1.000 Verwundete pro Tag an der NATO-Ostflanke seien es, mit denen die Bundeswehr im Bündnisfall rechnet – davon etwa ein Drittel intensivpflichtig.
Heilung dauert; demnach kämen innerhalb einer Woche bereits 7.000 und innerhalb eines Monats rund 30.000 Verwundete zusammen, die versorgt werden müssen. Vor Ort im Baltikum ist das schlichtweg nicht umsetzbar. Die Verwundeten müssen folglich stabilisiert, nach Deutschland transportiert und dort weiterbehandelt werden.
Ob das gelingt, hängt von einer Rettungskette ab, die lückenlos funktionieren muss – von der Frontlinie in Litauen bis ins zivile Krankenhaus in Rosenheim, Neuss oder Chemnitz.
Genau diese Rettungskette spielt die Bundeswehr derzeit bei Medic Quadriga 2026 erstmals vollständig durch – unter den Augen von Verteidigungsminister Boris Pistorius. Rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 250 Helferinnen und Helfer ziviler Organisationen sind an der Übung beteiligt. Es ist die größte sanitätsdienstliche Übung seit Jahrzehnten.
Verwundete Soldaten – Der Sanitätsdienst ist nicht da
Eine grundsätzliche Herausforderung besteht allein darin, dass die Bundeswehr für wesentliche Teile der Rettungskette kein Personal zur Verfügung stellen kann. Soldaten und Soldatinnen des Sanitätsdienstes sind mit Masse im Einsatzgebiet, um dort die Behandlungsebenen 1 bis 3 abzudecken (siehe Schema weiter unten).
Für die Sicherstellung der Rettungskette, wie sie bei Medic Quadriga 2026 geübt wird, sind die Streitkräfte demnach auf zivile logistische Unternehmen angewiesen und medizinisches Fachpersonal ziviler Rettungs- und Hilfsorganisationen. Genau dieses Zusammenspiel soll mit der Berliner Übung erprobt und verbessert werden. Zuständig für Übung und Rettungskette im Ernstfall ist das Kommando Gesundheitsversorgung aus Koblenz.
Medic Quadriga 2026 – Die Rettungskette
Erstes Glied: Chirurgie nahe der Front
Die Rettungskette beginnt mit der Ersthilfe vor Ort – In der Regel durch Kameraden. Klassischerweise folgt der Transport in ein Verwundetensammelnest und die Aufnahme und Behandlung in den ersten drei Ebenen noch im Einsatzland, in denen wichtigsten medizinischen Maßnahmen durchgeführt werden.
Doch der Sanitätsdienst versucht, so nah an der Frontlinie wie möglich anzusetzen. Mittel der Wahl ist das Forward Surgical Element (FSE), welches im Rahmen von Medic Quadriga 2026 bzw. Medic Guardian erstmalig geübt wird. Das FSE ist eine hochmobile, modular aufgebaute chirurgische Behandlungseinrichtung, die lebensrettende Erstversorgung unmittelbar in der Nähe der Frontlinie ermöglicht.
Sie schließt damit die entscheidende Lücke zwischen einfacher Ersthilfe und einer vollständigen medizinischen Behandlungseinrichtung. Innerhalb kürzester Zeit können Verwundete registriert, notfallmedizinisch stabilisiert und operativ versorgt werden.
„Das Forward Surgical Element ist unsere erste und wichtigste Anlaufstelle für Schwerstverwundete an vorderster Front. Jede Minute zählt – genau hier retten wir Leben“, betonte Oberfeldarzt Lars Pestner, Kommandeur des Sanitätsregiments 2.
Die Lehren aus dem Ukrainekrieg fließen dabei direkt ein: Die Erfahrungen zeigen die wachsende Bedeutung geschützter Einrichtungen wie Keller oder Lagerhallen für die medizinische Versorgung im Einsatz – der sogenannte „Sprung“ in feste Infrastruktur ist keine Komfortoption, sondern operative Notwendigkeit.
Zweites Glied: Stabilisierung und Transportfähigkeit
Wer stabilisiert ist, muss jedoch aus bereits erwähnten Gründen weiter. Ziel der Versorgung in Litauen ist es, die Patientinnen und Patienten transportfähig zu machen. Erst dann beginnt der lange Weg zurück nach Deutschland.
Der Sanitätsdienst nutzt dafür auch die eigens entwickelte „Patientensteuerungs-, Transport- und Behandlungsorganisation“ (PaSTBO), deren wesentlicher Aufgabe die bruchfreie Übermittlung von Daten an den zivil-militärischen Schnittstellen ist.
Die strategische medizinische Evakuierung (StratMedEvac) von Litauen nach Deutschland erfolgt beispielsweise durch die Luftwaffe. Rund 1.600 Kilometer trennen den Übungsraum in Litauen vom Hub in Berlin. Der Sanitätsdienst plant vier dieser Hubs zur Weiterverteilung – angeordnet als Kleeblatt, je einer pro Himmelsrichtung.
Drittes Glied: Der Hub als Knotenpunkt
Für die Übung Medic Quadriga 2026 wurde dazu am Berliner Flughafen ein medizinischer Hub eingerichtet, an dem die Ankunft mehrerer Hundert Patientinnen und Patienten simuliert wird. Die Verwundeten werden in ein Aufnahmezelt gebracht, registriert, medizinisch begutachtet und in verschiedene Kategorien aufgeteilt. Intensivpatienten sollen in möglichst unter fünf Minuten durch den Hub bis in den bereitstehenden Hubschrauber gebracht werden können.
In den anderen Kategorie-Zelten finden weitere Behandlungen oder einfache medizinische Betreuung der Soldatinnen und Soldaten statt. Das Hub selbst symbolisiert den Übergang von der militärischen in die zivile Welt.
Dieser Knotenpunkt ist das Herzstück der Patientensteuerung. Militär und zivile Organisationen arbeiten Seite an Seite – auch in Abstimmung mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
Eine digitale Leitstelle soll in Deutschland die Steuerung übernehmen und Daten aus PaSTBO erhalten. Die Lösung IVENA eHealth wird zivil längst eingesetzt – muss jedoch für gewöhnlich nur für einen oder zwei Fälle passende Betten in Kliniken finden. Was aber, wenn mit einem Flugzeug oder Zug plötzlich Hunderte Patientinnen und Patienten auf zivile Krankenhäuser verteilt werden?
In Berlin erfährt man, dass die Entwickler der Software noch kurz vor der Medic Quadriga 2026 am Code gebastelt haben – mit Erfolg. Die in Litauen auf die Reise geschickten Soldatinnen und Soldaten bekamen dort bereits Spezialkliniken zugewiesen. In der Berliner Übung waren das beispielsweise das Bundeswehrkrankenhaus Berlin, die Charité und die Medizinische Universität Lausitz in Cottbus.
Viertes Glied: Verteilung in zivile Krankenhäuser
Mit dem letzten Glied der Rettungskette hat die Bundeswehr dann nichts mehr zu tun. Den Transport aus dem Hub in zivile Krankenhäuser stemmen der zivile Rettungsdienst und Hilfsorganisationen – darunter beispielsweise die Deutsche Luftrettung, Johanniter und Malteser.
Hubschrauber und KTWs übernehmen die Verwundeten am Hub und verteilen sie auf Kliniken in der jeweiligen Region. ADAC Luftrettung und die DRF Luftrettung haben für die Berliner Übung fünf Maschinen der Typen H135 und H145 bereitgestellt. Dazu sind die Johanniter-Unfall-Hilfe, das Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund und der Malteser Hilfsdienst mit Dutzenden Fahrzeugen beteiligt.
Mit dem Eintreffen von Verletzten in der Notaufnahme teilnehmender Krankenhäuser endet das Übungsszenario der Medic Quadriga 2026. In der Realität würde es dort natürlich weitergehen: mit Operationen, Intensivpflege, Rehabilitation.
Die Rettungskette selbst aber wäre hier beendet. Verwundete können – so die Erkenntnis der ersten Übungstage – von der Frontlinie in Litauen bis ins Krankenhaus in Deutschland gebracht werden. Und das auch in hohen Zahlen.
„Was Sie hier sehen ist kein fertiges System, es ist ein Experiment“, erklärte ein mit der Planung der Medic Quadriga 2026 beauftragter Oberstarzt. Fehler dürften hier noch passieren, schließlich sei es eine Übung. Doch die Verantwortlichen zeigen sich bisher sehr zufrieden: Vieles laufe genau wie geplant, man habe aber auch Optimierungsmöglichkeiten erkannt. Eine genaue Auswertung der Medic Quadriga 2026 soll zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.
Die Diversifizierung des Transports
Geplant war für die Übung Medic Quadriga 2026, dass die Verlegung via Lufttransport aus Litauen nach Berlin geübt werden sollte. Das fand so nicht statt. Grund war, dass das dafür vorgesehene Flugzeug vorgehalten wurde, falls eine Evakuierung deutscher Staatsbürger aus dem Nahen Osten durchgeführt worden wäre. Die Medic Quadriga in Berlin begann somit aus einem dort abgestellten A400M.
Für die Übung kein Problem, versicherte der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes. Dazu kommt, dass der Ausfall des Flugzeuges auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam macht: Gibt es die Sicherheitslage im Kriegsfall her, das überhaupt geflogen wird?
Selbst wenn dies der Fall ist, werden wohl kaum die bis zu 1.000 Verwundeten pro Tag ausgeflogen werden. Mindestens ergänzend wird es daher Transporte über den Land- und Seeweg geben. Für den Landweg erwartet der Sanitätsdienst schon bald den Abschluss eines Vorhaltevertrages mit einem zivilen Anbieter, mit dem ein Schiffsverkehr vom Baltikum nach Schweden eingerichtet werden könnte.
Für den Landweg vorgesehene Bahntransporte sollen in zwei Jahren möglich sein. Die Bundeswehr beabsichtig hierfür allerdings nicht, eigene Züge zu beschaffen. Vielmehr soll ein Vertrag mit der Deutschen Bahn geschlossen werden, um im Bedarfsfall bestehende Personenzüge der DB in Verwundetentransportzüge umzurüsten.
Für kleinere Gruppen von weniger stark verletzten Soldatinnen und Soldaten bleibt zudem auch der Transport über die Straße eine Option. In Berlin gezeigt wurde hierfür beispielsweise ein von Aicher Ambulanz aus München betriebener Großraumrettungswagen gezeigt. Der Bus verfügt über einen Intensivplatz, sowie mehrere Sitz- und Liegeplätze (doppelstöckig).
Gesamtgesellschaftliche Verteidigung & Erste Hilfe
Unabhängig von zukünftigen Entwicklungen zeigt Medic Quadriga 2026 schon heute: Die Rettungskette besteht aus vielen Gliedern. Sie reicht von der Front bis in die Notaufnahmen der Republik – und letztlich bis in die Gesellschaft selbst.
Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann richtete sich in Berlin daher auch an die gesamte Bevölkerung: Erste-Hilfe-Kenntnisse sind keine nette Zusatzqualifikation, sondern eine staatsbürgerliche Pflicht. Jede und jeder täte gut daran, vorhandenes Wissen aufzufrischen und aufzubauen.
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