Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark haben gemeinsam die Nordic Combat Uniform (NCU) beschafft – ein modulares Bekleidungssystem für alle Klimazonen. Im Februar 2026 testete unser Autor die arktische Version in Mittelschweden bei Temperaturen bis (sehr) weit unter den Gefrierpunkt – vom schweißtreibenden Marsch auf Schneeschuhen über Biathlon-Schießen bis zur Nacht im Biwaksack unter dem Polarhimmel. Ist die multinationale Beschaffung bei GORE-TEX, Woolpower, Aclima, Siamidis und Layers wirklich erfolgreich? Und was prägt beim Extrem-Test in der Kälte?
Das Thermometer zeigt -26 Grad Celsius – ich schwitze. Daran bin ich selbst schuld, denn ich habe die wichtigste Regel missachtet: Die Lagen der Kleidung an meine Aktivität anzupassen.
Es ist bereits Mittag im Jämtland. Hier in Mittelschweden steht die Sonne im Winter nie höher als ein paar Fingerbreit über den verschneiten Wäldern. Wir sind auf Schneeschuhen unterwegs, stapfen durch kniehohen Pulverschnee.
Die Gruppe zieht sich – manche haben mit der Steigung eines Hügels zu kämpfen. Immer wieder versinkt jemand im Schnee, wenn er den von einem Soldaten der schwedischen Armee vorgezeigten Weg verlässt. Der Stau gibt mir die Gelegenheit, meine äußere Schicht – Layer 3A – auszuziehen und in den Rucksack zu stopfen. Eine gute Entscheidung.
Unter den verbleibenden Schichten – der isolierenden Mittelschicht aus Merinowolle 1B und der Basisschicht aus Woll-Mesh 1A – arbeitet mein Körper auf Hochtouren. Was das für Schichten sind, in die sich die Nordic Combat Uniform einteilt? Dazu später mehr.
Der Marsch durch den Schnee ist nur der Anfang. In den kommenden 48 Stunden teste ich die Nordic Combat Uniform (NCU) unter extremen Bedingungen am Rande des Polarkreises – vom schweißtreibenden Marsch durch den Tiefschnee über Biathlon-Schießen und Eisfischen bis hin zur ultimativen Prüfung: einer Nacht im Freien bei rund 30 Grad Celsius unter Null im Biwaksack.
Die NCU – Nordic Combat Uniform
Die Nordic Combat Uniform ist mehr als nur ein Produkt der persönlichen Ausstattung von Soldaten – sie ist auch ein (rüstungs-)politisches Statement. Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland schlossen sich 2018 zusammen, um gemeinsam ein modulares Bekleidungssystem zu entwickeln, das Soldaten in allen Klimazonen schützen soll.
Ja, richtig gelesen: in allen Klimazonen – nicht nur in der Arktis. Denn die Nordic Combat Uniform verfügt auch über spezielle Lagen, die für Wüsten- und für tropisches Klima entwickelt wurden. In der schwedischen Winterkälte bin ich jedoch froh um die arktische Versioon der NCU. Sie wurde mir und den anderen von den beteiligten Unternehmen ausgehändigt.
Die Idee hinter der gemeinsamen Ausschreibung: Wenn die nordischen Länder gemeinsam beschaffen, haben sie mehr Verhandlungsmacht, können Kosten senken und gleichzeitig sicherstellen, dass die besten verfügbaren Komponenten zum Einsatz kommen.
Interoperabilität wird großgeschrieben – schwedische Soldaten sollen mit norwegischen und finnischen Kameraden nahtlos zusammenarbeiten können, ohne dass unterschiedliche Ausrüstung zum Problem wird.
Nach umfangreichen Tests und Evaluierungen wurde der Gesamtauftrag 2022 an das norwegische Unternehmen Oskar Pedersen AS vergeben. Der Vertrag hatte einen Wert von 425 Millionen Euro. Anfang Februar 2026 sind die ersten Uniformen bereits ausgeliefert und europäische Fachjournalisten haben die Gelegenheit, das fertige Produkt beim Nordic Arctic Summit zu testen.
Das Konzept der Nordic Combat Uniform basiert auf dem bewährten Schichtsystem, auch Zwiebelprinzip genannt. Eine feuchtigkeitstransportierende Basisschicht direkt auf der Haut, eine isolierende Mittelschicht für Wärme und eine wetterfeste Außenschicht als Schutz gegen Wind, Regen und Schnee.
Dazu kommen spezialisierte Komponenten wie verschiedene Handschuhsysteme, Kopfbedeckungen und – für arktische Bedingungen – zusätzliche Isolationsschichten.
Die Nordic Combat Uniform wurde nicht von einem einzelnen Hersteller entwickelt, sondern ist das Ergebnis einer unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit. Woolpower aus dem schwedischen Östersund – mit Organisator GORE-TEX so etwas wie der Gastgeber des Nordic Arctic Summits – liefert die isolierenden Mittelschichten mit ihrer charakteristischen Terry-Loop-Technologie.
Aclima aus Norwegen steuert die Mesh-Unterwäsche bei, die besonders atmungsaktiv ist und ebenfalls auf Merinowolle basiert. Siamidis aus Griechenland liefert die robusten Außenschichten, die auf speziellen wasser- und windundurchlässigen Textilien von GORE-TEX basieren. Layer aus Norwegen verantwortet das Projektmanagement.
Jedes Unternehmen bringt gleichberechtigt seine Kernkompetenz ein – trotz der Vergabe an Oskar Pedersen. Ein ungewöhnliches Konzept in einer Branche, in der normalerweise ein Generalunternehmer alles aus einer Hand liefert.
Warm im Schnee liegen mit der NCU
Neben dem Schneeschuhlaufen steht beim Nordic Arctic Summit auch Biathlon auf dem Programm – zumindest das Schießen. Jetzt habe ich gelernt: Ich ziehe Isolationsjacke und -hose aus, behalte nur Basis- und Außenschicht an. Beim Marsch zur Schießbahn ist mir angenehm kühl, aber nicht kalt. Angekommen lege ich die Isolationsschicht wieder an – die Hose ist so konzipiert, dass man die Kampfstiefel nicht ausziehen muss.
Reißverschlüsse an den Seiten und eingenähte, ebenfalls mit Reißverschlüssen versehene Gamaschen machen das möglich. Die Reißverschlüsse an den Hosenbeinen lassen sich von beiden Richtungen öffnen. Das hat den Vorteil, dass auf Höhe des Oberschenkels geöffnet werden kann. Die Wärmedämmung der Nordic Combat Uniform an den Beinen ist „stufenlos regulierbar“.
Wir schießen im Liegen. Direkt auf Schnee und Eis wird es kalt … sollte es kalt werden. Doch die NCU funktioniert. Ich liege auf dem eisigen Boden, ziele und … treffe alle fünf Scheiben. Erst dann merke ich, dass meine Hand friert. Den rechten Handschuh habe ich ausgezogen – er hätte nicht durch den Abzugsschutzbügel gepasst.
Zurück auf das Fjäll. Jene Region, die in den skandinavischen Ländern die Berge beschreibt. Oben gibt es nur wenig Vegetation, gerade genug für Weidetiere. In Mittelschweden bedeutet das Fjäll kurze milde Sommer über unzähligen Seen und harte lange Winter, dazwischen Rentierherden, Elche und wilde Bären. Das Fjäll – sprachlich mit dem deutschen Fels verwandt – ist eine ganz eigene, raue Landschaft.
Mit dem Schneemobil fahren wir vom Dorf Bydalen kommend über zugefrorene Bäche und durch dichte Nadelwälder. Rund eine Stunde geht es nördlich. Irgendwann lichtet sich der Wald, der Berg verwandelt sich in ein eisbedecktes Hochplateau.
Frostiger Fahrtwind beißt sich in meinen Wangen fest. Eine Sturmhaube schützt so gut es geht. Der Rest meines Körpers könnte auch auf einer Vespa durch Italien fahren – so unbeeindruckt zeigt er sich von der Witterung. Die angelegte Außenschicht 3A lässt keinen Wind durch, die Wolle darunter erledigt das Übrige.
Auch beim Eisfischen – am Rande eines Samendorfs – bei dem wir lange Zeit fast bewegungslos über einem Loch in der Eisdecke hocken, hält das System warm. Die richtige Anzahl an Lagen der Nordic Combat Uniform macht den Unterschied.
Ich trage jetzt bei knappen 30 Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt: das Shirt und Unterhose aus Merinowolle (0), als Base-Layer sowohl Mesh-Unterhemd und -hose (1A) als auch die langärmelige Wolljacke und lange Unterhose mit Terry-Loops (1B), das normale Combat Layer (2A) und darüber jene erweiterte Außenschicht (Wärmeschutzlayer 3A), die mich zuvor noch zum Schwitzen gebracht hatte.
An den Füßen: zwei Paar Merinowollsocken – ebenfalls von Woolpower – in massiven Winterstiefeln mit wasserabweisender GORE-TEX-Technologie.
Mit dem Layer 3B wäre sogar noch eine weitere Kälteschicht möglich, aber nicht nötig gewesen. Mir ist angenehm warm und wie ein Michelin-Männchen wollte ich auch nicht aussehen. Man erklärt uns: Die äußerste weiße NCU-Schicht mit der Bezeichnung 5 hat keine isolierende Funktion, sie dient der Tarnung.
Am Ende des Tages muss ich feststellen: Die Qualität der Nordic Combat Uniform ist hervorragend. Die Merinowolle kratzt nicht, riecht selbst nach Stunden intensiver Nutzung nicht nach Schweiß, trocknet schnell. Die Unterwäsche ist ein Wärmewunder, die Außenschicht hält dicht – kein Tropfen Feuchtigkeit, kein Windstoß kam hindurch.
Nur ein kosmetisches Problem fällt auf: Die zahlreichen Klettverschlüsse der äußeren Schichten sorgen schon nach kurzem Gebrauch für Pilling auf den Wollprodukten. Besonders betroffen sind die Innenhandschuhe aus Merinowolle – nach einem Tag Nutzung sehen sie aus, als wären sie bereits seit Wochen im Einsatz gewesen.
Funktional macht das keinen Unterschied, aber optisch ist es ärgerlich. Ließe sich das nicht lösen, vielleicht mit weniger Klettverschlüssen oder glatteren Außenmaterialien frage ich einen der Hersteller.
Die Antwort: Die Haltbarkeit der Wollprodukte sei auch bei längerer Nutzung gegeben, es leide nur die Optik. Zudem müsse man Komponenten wie die Innenhandschuhe auch als „Verbrauchsgegenstände“ betrachten, die eventuell schneller ausgetauscht werden müssten als beispielsweise die äußeren Schichten der Nordic Combat Uniform.
Ein europäisches Projekt – mit Signalwirkung?
Die NCU ist nicht nur ein Bekleidungssystem – sie ist ein Experiment in europäischer Verteidigungskooperation. Dass vier Nationen gemeinsam ein so komplexes System von der Industrie einfordern und beschaffen, ist ungewöhnlich.
Dass sie dabei auf spezialisierte mittelständische Unternehmen statt auf Großkonzerne setzen, noch mehr. Andererseits: Insgesamt sechs Konsortien hatten sich an der Ausschreibung beteiligt – wie man auch von einstigen Konkurrenten hört, hat mit der heutigen Nordic Combat Uniform von GORE-TEX, Woolpower, Aclima, Siamidis und Layers das beste Gesamtkonzept gewonnen.
Das Modell der multinationalen Beschaffung hat Charme – für beide Seiten. Keine Kompromisse, keine Billiglösungen. Die NCU könnte Vorbild sein für andere multinationale oder sogar paneuropäische Beschaffungsprojekte.
Warum nicht gemeinsam Helme beschaffen? Oder Rucksäcke? Oder Funkgeräte? Die nordischen Länder zeigen, dass es funktionieren kann – wenn der politische Wille da ist. Könnte eine ähnliche Kooperation zwischen den Beneluxstaaten funktionieren? Zwischen den baltischen Ländern? Zwischen den Alpenländern? Für ganz Europa? Die NCU beweist: Es geht. Und es funktioniert.
Eisnacht – Auf einmal waren alle weg
Der Tag neigt sich dem Ende zu. Die Sonne ist schon vor Stunden hinter Bäumen und Fels verschwunden, die Temperatur immer weiter gefallen. Gegen 21 Uhr bauen rund dreißig Mutige ihr Nachtlager auf – direkt auf dem Schnee, einige Hundert Schritt entfernt von der Unterkunft. Keine Zelte, keine Hütten. Nur Biwaksäcke.
Das von GORE-TEX gestellte Set-up ist durchdacht, erneutes Zwiebelprinzip: Ein Sommerschlafsack steckt in einem Winterschlafsack, beide zusammen in einem vollständig verschließbaren Biwaksack. Der Clou: Eine spezielle Membran im Kopfbereich sorgt für Frischluftzufuhr, während der Körper komplett eingepackt ist. Darunter eine dünne, aufblasbare Luftmatratze. Das Ganze liegt direkt auf etwa 30 Zentimetern Schnee.
Die Theorie klingt gut. Die Praxis auch – anfangs. Ich krieche noch vollständig bekleidet, aber ohne Stiefel in den Schlafsack, dann Jacke und Hose aus, mit den Stiefeln zwischen die Schlafsäcke. Es muss schnell gehen, damit ich der Kälte nicht allzu lange ausgesetzt bin. Noch den Reißverschluss zuziehen und wie eine Mumie kerzengerade auf dem Rücken liegen. Gut, dass ich müde bin.
Es ist erstaunlich warm. Die Kombination aus zwei Schlafsäcken und der atmungsaktiven, aber windabweisenden Biwaksack-Membran funktioniert perfekt. Keine kalte Zugluft, keine Feuchtigkeit von unten. Die Luftmatratze isoliert ausreichend gegen den gefrorenen Boden.
Doch als ich nachts wach werde, zeigt sich ein Problem: Jeder Atemzug kondensiert im Biwaksack. Die Innenseite vereist. Winzige Eiskristalle wachsen heran, lösen sich – und rieseln wie feiner Schnee auf mein Gesicht. Es schneit. Im Schlafsack. Bei fast 30 Grad Celsius unter Null.
Schlimmer ist das Platzproblem: Der Biwaksack ist zu kurz für mich und die Nordic Combat Uniform. Oben stoße ich mit dem Kopf an, unten mit den Füßen. Stiefel und Außenschicht passen nur mit Mühe hinein. Ich kann mich kaum bewegen, nicht einmal die Beine leicht anwinkeln. Ich drehe mich etwas, schaue seitlich aus dem Schlafsack. Das hilft auch gegen den Schnee im Inneren. Dann schlafe ich wieder ein.
Als ich um kurz vor sieben erneut erwache, schaue ich mich verwundert um: Fast alle Biwaksäcke sind weg.
Beim Frühstück erfahre ich: Ein Großteil hat die Nacht abgebrochen. Nicht wegen der Kälte – die war kein Problem. Sondern wegen des komplizierten Wiedereinstiegs nach nächtlichem Austreten. Man muss wohl Übung darin haben, denke ich mir und freue mich über meine starke Blase.
Arktische Kleidung – Das Urteil
Was bleibt also – jenseits der malerischen Winterlandschaft im schwedischen Jämtland? Die Nordic Combat Uniform überzeugt. Das Lagenprinzip funktioniert, die Materialqualität ist – vom Pilling abgesehen – ausgezeichnet, die Verarbeitung robust. Die Kombination aus Mesh-Unterwäsche, Merinowolle und Terry-Loop-Isolation ist durchdacht und effektiv.
Die Außenschicht der Nordic Combat Uniform hält den schneidenden Wind und Feuchtigkeit ab. Selbst bei extremer Kälte und wechselnden Aktivitätsniveaus hält das System warm, trocken und komfortabel – wenn man ein paar Regeln befolgt.
Nach zwei Tagen in der arktischen Kälte, mit schmerzenden Muskeln vom Schneeschuhlaufen, mit Eiskristallen im Bart und Pilling auf den Handschuhen kann ich dennoch sagen: Die NCU hält, was sie verspricht. Und das europäische Modell dahinter? Das sollte Schule machen.
Wofür brauchen wir das eigentlich?
Da ist aber noch eine andere Sache, die mir während der ganzen Zeit am Rande des Polarkreises nicht aus dem Kopf geht: Wofür brauchen wir das eigentlich? Dass Norwegen, Finnland und Schweden unter diesen klimatischen Bedingungen in jedem Winter leben, leuchtet ein. Aber ich als Deutscher? Oder die Kollegen aus Frankreich, Großbritannien, Spanien? Was haben wir mit Kleidung und Ausrüstung für arktische Bedingung zu tun? Allerdings geht es bei der NCU nicht primär um die arktischen Bedingungen.
Denn während ich durch den Schnee im Fjäll stapfe, überlegen Menschen in Grönland, ob die USA tatsächlich noch Verbündete sind. Während ich mich mit bester Ausrüstung bei rund 30 Grad Minus zum Schlafen in den Schnee lege, frieren Soldatinnen und Soldaten an der Front, weil ukrainische Winter nicht minder kalt sind.
Und genau das ist die Antwort auf meine Frage: Im Ernstfall benötigen wir – wir alle und allen voran unsere Soldatinnen und Soldaten – die richtige Ausrüstung, ganz unabhängig von der Nordic Combat Uniform.
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