Pistorius: „Eine starke Startelf allein reicht nicht“

In Nord- und Mittelamerika findet dieser Tage – beziehungsweise Nächte – die Fußballweltmeisterschaft. Kein Wunder also, dass auch beim Parlamentarischen Abend des Reservistenverbandes Motive aus der Welt des „runden Leders“ herangezogen wurden. Verdeutlicht wurde mit dem obigen Satz, das Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius die Reserve als Schlüssel für Deutschlands Verteidigungsfähigkeit betrachtet. Eine Sichtweise, der sich der Präsident des Reservistenverbandes, Bastian Alfons Ernst, nur anschließen konnte.

Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius spricht beim Parlamentarischen Abend des Reservistenverbandes.
Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius spricht beim Parlamentarischen Abend des Reservistenverbandes.
Foto: CPM / Tobias Ehlke

Die Fußball-Weltmeisterschaft als Sinnbild für die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik? Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius wählte beim Parlamentarischen Abend des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr genau dieses Bild und brachte damit die strategische Herausforderung Deutschlands auf den Punkt.

„Erfolgreich“, so der Minister, „ist nicht das Team mit der besten Startelf auf dem Platz. Die besten Chancen hat die Mannschaft, die über einen starken und breiten Kader verfügt und über das gesamte Turnier hinweg durchhaltefähig bleibt.“

Was für den Spitzensport gelte, gelte heute auch für die Bundeswehr. Eine aktive Truppe allein reiche nicht mehr aus. Deutschland brauche ebenso eine starke Reserve als Rückgrat der Verteidigungsfähigkeit und als Bindeglied zwischen Streitkräften, Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Botschaft zog sich wie ein roter Faden durch den Parlamentarischen Abend des Reservistenverbandes in der Landesvertretung Baden-Württemberg.

Reserve wird strategischer Faktor

Auch der neu gewählte Präsident des Reservistenverbandes stellte die Reserve in den Mittelpunkt einer umfassenden Sicherheitsarchitektur. Unter dem Motto „Die Reserve: Stärke, die abschreckt. Resilienz, die trägt“, machte Ernst deutlich, dass militärische Stärke und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit künftig nicht mehr getrennt voneinander gedacht werden können.

„Die Reserve ist die stabile Brücke zwischen Bundeswehr, Politik und Gesellschaft“, so der CDU-Politiker. Mit rund 110.000 Mitgliedern komme dem Reservistenverband eine besondere Verantwortung zu. Gerade angesichts der veränderten Bedrohungslage durch Russland brauche Deutschland einen konsequenten militärischen Aufwuchs und gleichzeitig eine resiliente Gesellschaft.

Die neue Spitze des Reservistenverbandes: Stv. Präsident Oberleutnant d.R. MdB Esra Limbacher, der neue Präsident Hauptgefreiter d.R. MdB Bastian Ernst, sowie Stv. Präsident Hauptmann d.R. MdB Ralph Edelhäußer (v.l.n.r.).
Die neue Spitze des Reservistenverbandes: Stv. Präsident Oberleutnant d.R. MdB Esra Limbacher, der neue Präsident Hauptgefreiter d.R. MdB Bastian Ernst, sowie Stv. Präsident Hauptmann d.R. MdB Ralph Edelhäußer (v.l.n.r.).
Foto: Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V./Julian Hückelheim

Besonders begrüßte Ernst das geplante Reservistenstärkungsgesetz, das die Einbindung der Reserve in die Landes- und Bündnisverteidigung auf eine neue Grundlage stellen soll. Er sprach von einem „wichtigen großen Schritt für den Verband und für die Reserve“ und dankte Verteidigungsminister Pistorius sowie Generalarzt Dr. Nicole Schilling ausdrücklich für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Junge Reserve und mehr Frauen

Neben den gesetzlichen Reformen kündigte Ernst zwei strategische Initiativen an: Mit einer „Jungen Reserve“ soll erstmals eine Plattform für Menschen zwischen 18 und 35 Jahren entstehen. Ziel ist es, frühzeitig Verantwortung für die Sicherheitsvorsorge zu übernehmen, Netzwerke aufzubauen und junge Menschen langfristig an die Reserve heranzuführen.

Gleichzeitig will der Verband den Anteil von Frauen deutlich erhöhen. „Wenn wir über den personellen Aufwuchs sprechen, müssen wir die ganze Gesellschaft einbeziehen“, betonte Ernst. Eine leistungsfähige Reserve müsse die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln und bestehende Hürden konsequent abbauen.

Pistorius: „Wir bauen die Reserve jetzt auf“

Für den Verteidigungsminister steht fest, dass die Diskussion über die Notwendigkeit einer starken Reserve längst beendet ist: „Wir diskutieren nicht mehr darüber, ob wir eine starke Reserve brauchen. Wir bauen sie auf. Jetzt.“

Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius spricht beim Parlamentarischen Abend des Reservistenverbandes.
Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius spricht beim Parlamentarischen Abend des Reservistenverbandes.

Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, hybrider Angriffe auf kritische Infrastruktur sowie einer stärkeren Fokussierung der USA auf den Indopazifik müsse Deutschland mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen.

Dabei formulierte der Minister ein klares Ziel: Bis 2033 sollen mindestens 200.000 Reservistinnen und Reservisten einen konkreten Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten.

Die Reserve sei dabei weit mehr als eine personelle Ergänzung der aktiven Truppe. Sie sichere Durchhaltefähigkeit, verbinde militärische Professionalität mit ziviler Expertise und stärke zugleich die gesellschaftliche Resilienz.

Mobilmachung darf kein Tabu sein

Bemerkenswert offen sprach Pistorius über die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Mentalitätswandels: „Mobilmachung darf in unserem Land kein Tabu-Wort sein.“ Wer glaubwürdig abschrecken wolle, müsse auch erklären können, wie Verteidigung im Ernstfall funktioniere. Gleichzeitig warnte der Minister ausdrücklich vor Alarmismus und sprach sich für eine sachliche und selbstbewusste Kommunikation über Landes- und Bündnisverteidigung aus.

Ein wichtiger Baustein hierfür sei das Reservistenstärkungsgesetz, das nach Angaben des Ministers planmäßig Anfang Juli im Bundeskabinett behandelt werden soll. Es bündelt erstmals die bislang verstreuten Regelungen in einem eigenständigen Reservistengesetz und schafft verbindlichere Rahmenbedingungen für Reservedienstleistungen – sowohl für Reservistinnen und Reservisten als auch für Arbeitgeber.

Pistorius berichtete zudem von Gesprächen mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden und hob die breite Unterstützung für den eingeschlagenen Kurs hervor. „Im Kern“, so der Minister, „bestand komplette Einigkeit: Wir brauchen eine verlässliche Reserve.“

Mehr als eine militärische Aufgabe

Sowohl Ernst als auch Pistorius zeichneten an diesem Abend ein neues Bild der Reserve. Sie ist nicht länger lediglich personelle Verstärkung der Streitkräfte, sondern Bestandteil einer gesamtgesellschaftlichen Sicherheitsvorsorge.

Die Ausbildung der Reserve ist von großer Bedeutung.
Die Ausbildung der Reserve ist von großer Bedeutung.
Foto: Bundeswehr / Haiko Hertes

Reservistinnen und Reservisten bringen ihre Erfahrungen in Unternehmen, Kommunen, Vereine und Familien ein und werden damit zu Multiplikatoren für Resilienz und Sicherheitsbewusstsein. Gleichzeitig wächst die Verantwortung der Arbeitgeber, diese Rolle aktiv zu unterstützen.

Der Parlamentarische Abend machte deutlich: Deutschland befindet sich mitten in einem sicherheitspolitischen Paradigmenwechsel. Mit der neuen Reservestrategie, dem Wehrdienstmodernisierungsgesetz und dem Reservistenstärkungsgesetz entsteht eine Reserve, die deutlich stärker auf Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit ausgerichtet ist als in den vergangenen Jahrzehnten.

Oder, um das Bild von Boris Pistorius noch einmal aufzugreifen: Eine Weltmeisterschaft gewinnt nicht die Mannschaft mit der besten Startelf. Gewinnen wird das Team, das über einen starken Kader verfügt, taktisch wechseln kann und bis zum Schlusspfiff durchhält. Genau diesen Kader beginnt Deutschland jetzt aufzubauen.

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