Snigel – Von der „One-Man-Show“ zum Profi-Ausrüster

„Wenn man friert, hungrig und nass ist, seit vielen Stunden nicht geschlafen hat – dann müssen die Produkte funktionieren“, bekräftigte Malin Hlawatsch Plaude, CEO von Snigel Design. Sie weiß, worauf es im Extremfall ankommt. Das Defence Network traf Hlawatsch Plaude zum Interview in Stockholm über die Transformation des schwedischen Ausrüsters. Die deutsche Rucksack-Ausschreibung war der Wendepunkt: Aus dem „Ein-Mann-Betrieb“ wurde ein professionelles Unternehmen mit 40 Mitarbeitern. Heute beliefert Snigel die Bundeswehr und die Ukraine. Warum Design und Produktion zusammengehören, was den Hypothermie-Rettungssack so besonders macht und warum Deutschland ein Heimatmarkt werden soll, lesen Sie im Interview.

Malin Hlawatsch Plaude, CEO von Snigel Design im Interview mit CPM Defence Network.
Malin Hlawatsch Plaude, CEO von Snigel Design im Interview mit CPM Defence Network.
Fotos: Snigel
Snigel hat nach der Ausschreibung für Deutschland eine große Entwicklung durchgemacht. Was hat sich in den letzten vier Jahren verändert?

Die deutsche Rucksack-Ausschreibung war ein Wendepunkt. Snigel erhielt eine Kapitalspritze, die es uns ermöglichte, in Kapazitäten zu investieren, qualifizierte Mitarbeiter einzustellen und das Geschäft zu skalieren. Statt der bisherigen One-Man-Show konnten wir Menschen mit wichtigen Fähigkeiten einstellen. Ich habe im April 2023 mit der Aufgabe begonnen, Snigel professioneller zu machen.

Früher musste man viel Geld vorstrecken, bevor man dem Kunden Rechnungen stellen konnte. Je größer die Aufträge, desto besser lässt sich mit Lieferanten verhandeln – bei Material, Produktion, Qualitätskontrolle. Heute sind wir in einer viel besseren Position, beispielsweise bei Zahlungsbedingungen. Wir haben Snigel ermöglicht, mehr und größere Aufträge anzunehmen.

Ist dieser Prozess der Umwandlung von der „One-Man-Show“ in ein „echtes Unternehmen“ bereits abgeschlossen?

Die Arbeit ist nie fertig, aber wir sind auf dem Weg der Professionalisierung weit gekommen. Wir können heute größere und mehr Aufträge bearbeiten. Wir bieten maßgeschneiderte Produkte an, verkaufen aber auch aus unserem Sortiment.

Was beispielsweise die Lieferkette von Uniformen angeht, sind wir noch nicht ganz so weit. Daher nehmen wir nicht an Uniform-Ausschreibungen teil, verkaufen aber an Sicherheitsfirmen. Uniformen für Streitkräfte fertigen wir derzeit nicht.

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Ihr Firmenname lautet Snigel Design. Ist Design für Sie wichtiger als Produktion?

Als Snigel gegründet wurde, ging es nur um Design und Entwicklung. Seit drei Jahren bauen wir auch Produktionskapazitäten auf. Das ist Teil unserer Professionalisierung. Unser Plan besteht also gerade darin, auch die gesamte Produktion abdecken zu können.

Snigel hat Tragesysteme, Schutzsysteme, Kleidung. Warum sollte ein Unternehmen all diese Teile zusammen haben?

Sie sind miteinander verbunden. Wenn sie zusammen konzipiert werden, hat man eine bessere Funktionalität – eins plus eins plus eins wird dann eher sechs oder sieben.

Kleidung muss danach gestaltet sein, wie man Dinge trägt und wo die Weste sitzt. Daher haben wir den Endnutzer im Blick. Die drei Produktgruppen zusammenzuführen schafft mehr Mehrwert, als sie isoliert zu betrachten. Wir möchten von Kopf bis Fuß schützen.

De Hypothermal Bag im Test bei den schwedischen Streitkräften.
De Hypothermal Bag im Test bei den schwedischen Streitkräften.
Foto: Snigel
Planen Sie also auch, Helme und Unterwäsche herzustellen?

Momentan haben wir dazu Partnerschaften, sodass wir ein komplettes System liefern können. Je nach Fall müssen wir von verschiedenen Lieferanten kaufen oder als Konsortium arbeiten, wie bei unserem Angebot für die NCU, wo wir Unterlieferanten für Unterwäsche hatten.

Was ist derzeit Ihr Top-Produkt, welches auch auf der Enforce Tac zu sehen sein wird?

Auf jeden Fall der Hypothermal Bag, der Leben rettet. Er zeigt auch, wie wir mit Innovation umgehen. Wir hatten ein Problem erkannt, haben eine Lösung gefunden und sehr schnell einen Prototyp zu 2.000 Stück produziert, die dann in die Ukraine gegangen sind und dort Leben retten. Die Interaktion mit Endnutzern hilft uns auch bei Verbesserungen.

Wir waren bei einer Veranstaltung in Nordschweden, wo der schwedische Armeechef anderen die arktischen Fähigkeiten Schwedens zeigte. Unsere Produkte für arktisches Klima sind überzeugend – wir sind Schweden und verstehen etwas von Kälte. Wenn man friert, hungrig und nass ist und seit vielen Stunden nicht geschlafen hat, dann müssen die Produkte funktionieren.

Unsere erfolgreichsten Produkte sind allerdings die Tragesysteme – darauf sind wir besonders stolz und der Großteil des Umsatzes stammt aus diesem Bereich. Bei der Enforce Tac zeigen wir zudem medizinische Taschen und Beutel – kleinere für die Hüfte oder Rucksäcke mit medizinischer Ausrüstung. Wir schicken auch davon viele in die Ukraine.

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Wo sehen Sie Snigel in fünf Jahren?

Wir sind Experten darin, die Bedürfnisse der Endnutzer zu verstehen. In fünf Jahren möchte ich, dass mehr Länder als nur Schweden uns zu den Top-3-Experten zählen. Wir wollen an Innovationen arbeiten und neue Lösungen finden. So tragen Soldaten heute beispielsweise mehr Geräte mit Batterien. Im Wald bei Kälte entlädt sich die Batterie schneller – man braucht also andere Taschen.

Gleichzeitig gibt eine Batterie Wärme ab, wodurch Soldaten durch Wärmekameras leichter aufklärbar sind. Wir wollen Vorreiter bei der Lösung aktueller und zukünftiger Bedürfnisse sein.

Das tun wir heute in Schweden, möchten aber auch in Deutschland, England, den Niederlanden, Frankreich relevanter werden. In Deutschland streben wir eine lokale Niederlassung an, um mit lokalen Behörden – Strafverfolgung und Streitkräften –zusammenzuarbeiten.

Wie sieht es mit den anderen skandinavischen Ländern aus?

Skandinavien ist ein Gebiet, wo wir definitiv präsent sein möchten. In einigen Bereichen haben wir allerdings auch gewisse Konkurrenz. Dazu kommt, dass manche Länder dann eine lokale Beschaffung bevorzugen. Bei Ausschreibungen neigen sie dazu, eher national als ausländisch zu kaufen.

Sollte es hier mehr europäisches Denken geben – auch, um gemeinsam mehr europäische Unabhängigkeit zu erreichen?

Wenn man von europäischer Unabhängigkeit gegenüber den USA spricht, kann man auch fragen: Was passiert, wenn etwas in Europa geschieht? Wo sind die Freunde? Wenn Sie beispielsweise Deutschland schützen müssen, schicken Sie dann die Dinge nach Schweden, die Sie versprochen haben, obwohl Sie sie auch in Deutschland brauchen? Bei der Pandemie gaben Länder mit Impfstoff ihn nicht an jene Länder ohne ihn weiter.

Es ist immer ein Abwägen: Wie nah muss die Produktion oder Versorgung sein, falls etwas passiert? Jedes Land muss darüber nachdenken, um nicht von jemandem abhängig zu sein, der nicht liefert. Natürlich wäre es besser, mehr auf europäischer oder NATO-Ebene zu denken. Aber man hat auch Verantwortung für das eigene Land und muss auf den Ernstfall vorbereitet sein – denn dann braucht man die Produkte. Es ist knifflig.

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