Unsere Verantwortung: Die Ostsee

Die Ostsee ist eine zentrale Handelsroute und Verbindungsraum unseres Kontinents, fast ein „Binnenmeer“ der NATO, Europas und der EU. Gleichzeitig wird sie zunehmend Schauplatz und Schmelztiegel hybrider Herausforderungen für die Sicherheitsarchitektur der NATO und Europas. 

Seit Anfang Mai ist Max Berger als Director Maritime bei STARK tätig und schreibt über die Relevanz der Ostsee.
Seit Anfang Mai ist Max Berger als Director Maritime bei STARK tätig und schreibt über die Relevanz der Ostsee.
Foto: STARK

Jeden Tag testen Schiffe ohne klare Eigentümer, teilweise mit abgeschalteten AIS-Transpondern und zweifelhafter Mission unsere Grenzen aus, um Verwundbarkeiten zu identifizieren und zu triggern.

Deutschland muss auf diese neue Realität Antworten finden. Wir brauchen die Fähigkeit, verdächtige Aktivitäten frühzeitig zu erkennen, Angriffe eindeutig zu attribuieren und in Echtzeit darauf zu reagieren. Dafür reichen die bestehenden Strukturen und Mittel nicht mehr aus. Erforderlich sind neue operative Modelle für den Einsatz unbemannter Systeme sowie eine enge Zusammenarbeit von Marine, Behörden und Industrie, um die Sicherheitsinteressen Deutschlands, der NATO-Anrainerstaaten und der EU in der Ostsee wirksam zu schützen.

Korvetten und Fregatten müssen kämpfen können

2024 standen drei Schiffe im Verdacht, Drohnen gestartet zu haben, um über europäische Militärstandorte zu fliegen, eines davon vor der Küste Fehmarns. Seit 2025 gab es mindestens fünf größere Vorfälle, bei denen Schiffe Unterwasserkabel in der Ostsee beschädigt haben sollen. Das Muster ist erkennbar: Reaktionsfähigkeit austesten, Unsicherheit erzeugen und unterhalb der Eskalationsschwelle destabilisieren.

Die NATO hat bereits Anfang 2025 reagiert. Mit der Mission „Baltic Sentry“ konnte die Reaktionszeit bei verdächtigen Ereignissen von 17 Stunden auf eine Stunde verkürzt werden. Dieser operative Erfolg hat jedoch seinen Preis. Zwar verfügt die deutsche Marine über leistungsfähige Fregatten und Korvetten, jedoch sind bemannte Hochwertsysteme für Abschreckung und Verteidigung gebaut. Die tagelange Begleitung und Beschattung rostiger Tanker nutzt die Systeme und Besatzungen ab. Jede Fregatte oder Korvette, die Routineaufklärung übernimmt, fehlt an anderer Stelle für ihren eigentlichen Kernauftrag: Landes- und Bündnisverteidigung. Gleiches gilt für die Bundespolizei See.

Für die großflächige Überwachung von Aktivitäten im hybriden Bereich können unbemannte, skalierbare Systeme zu einer entscheidenden Entlastung der Marine beitragen. Die Aufgaben nehmen schneller zu, als Personal, Material und klassische Beschaffungsprozesse Schritt halten können. Herkömmliche Marinesysteme benötigen oft Jahre bis zur Einsatzreife. Uncrewed Surface Vessels (USVs) schaffen dagegen Präsenz im Tempo der Bedrohung und somit Abschreckung im engeren Sinne.

Wer sieht, kann handeln

Die Methode von “Schattenflotten” ist weit verbreitet und stellt politische Systeme vor Herausforderungen. Schiffe nutzen gezielt Lücken und Momente, in denen niemand hinschaut, werden aktiv, wo strafrechtliche Verfolgung nicht funktioniert. Sie nutzen bewusst Ambiguität und erschweren damit politische Entscheidungen und kollektive Reaktionen.

In einem aktuellen Antrag der Koalitionsfraktionen im Deutschen Bundestag wird der Einsatz unbemannter Systeme zur Bewachung kritischer Infrastruktur gefordert. Das ist richtig. Denn Sicherheit beginnt mit Sichtbarkeit. Wir müssen wissen, was geschieht, wann es geschieht und wer verantwortlich ist. Dafür braucht es ein Lagebild, das zivile und militärische Daten lückenlos zusammenführt und den zuständigen Stellen nahezu in Echtzeit zur Verfügung stellt.

Ein solches Lagebild entsteht im Austausch zwischen Streitkräften, Behörden, Industrie und einem breiten Systemverbund aus unbemannten und bemannten Plattformen. Die kontinuierliche Begleitung und Überwachung verdächtiger Schiffe kann durch USVs ermöglicht werden. Wie Satelliten umkreisen USVs die Schiffe oder auch gefährdete Gebiete und kritische Infrastruktur, dokumentieren Verhalten, sichern Beweise und melden Auffälligkeiten unmittelbar weiter. Diese Präsenz schafft ein Dilemma für feindliche Akteure: Sie wissen, dass verdächtige Handlungen ihnen zugeordnet werden und Konsequenzen zur Folge haben können. Dieses Bewusstsein allein wirkt bereits abschreckend.

Was jetzt getan werden muss

Deutschland kann und sollte einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung der Ostsee leisten. Der Antrag der Koalitionsfraktionen weist in die richtige Richtung. Auch aus der Opposition kommen wichtige Impulse für die Reform der maritimen Sicherheit. Entscheidend ist nun, vom Problembewusstsein zur Umsetzung zu kommen. Dafür sind vier Schritte notwendig:

  1. Echtzeit-Lagebild schaffen: Präsente, dauerhafte Aufklärung, KI-basierte Verhaltensanalyse und Weltraumdaten müssen zu einem multidimensionalen Lagebild zusammengeführt werden.
  2. Rechtliche Handlungsfähigkeit herstellen: Abgestufte Handlungsoptionen, vom Aufklären über das Begleiten bis zum Boarden verdächtiger Schiffe, brauchen rechtliche Grundlagen sowie entsprechende Fähigkeiten, die auch im Graubereich und über Grenzen hinaus Handlungssicherheit für die Polizeibehörden und Bundeswehr schaffen.
  3. Ressourcen effizient einsetzen: Unbemannte Systeme müssen schnell verfügbar sein, ohne zusätzliche personelle Belastung zu erzeugen. Dafür braucht es neue Betreiber- und Kooperationsmodelle zwischen Staat und Industrie.
  4. Skalierbar beschaffen und interoperabel denken: Systeme müssen schnell verfügbar, vernetzbar und im Zusammenspiel mit bestehenden Fähigkeiten einsetzbar sein. Geschwindigkeit ist der zentrale sicherheitspolitische Faktor.

Die Ostsee ist längst ein Raum, in dem hybride Bedrohungen die europäische Sicherheitsarchitektur vor Herausforderungen stellen. Deutschland darf nicht erst reagieren, wenn der Schaden bereits eingetreten ist. Wir müssen agieren können, um Sicherheit und Prosperität weiter gewährleisten zu können. Politik, Streitkräfte und Industrie müssen jetzt gemeinsam die Fähigkeiten schaffen, die diese neue Realität verlangt.

Max Berger wird Director Maritime bei STARK

Seit Anfang Mai ist Max Berger als Director Maritime bei STARK tätig. Berger, geboren 1986, bringt einen beeindruckenden Werdegang bei der Marine mit: Von 2005 bis 2026 diente er als Offizier, absolvierte die Ausbildung zum Admiralstabsoffizier und war zuletzt Kommandant der Korvette MAGDEBURG. Mit seiner umfassenden Erfahrung in der maritimen Führung und Strategie übernimmt Max Berger die Verantwortung für den Bereich Maritime bei STARK. Sein Werdegang spiegelt nicht nur Expertise, sondern auch eine Leidenschaft für Innovation und maritime Exzellenz wider.

 

Text: Max Berger / STARK

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