Die Bedrohung aus der Luft hat sich fundamental gewandelt – nicht mehr einzelne Raketen oder Kampfflugzeuge, sondern vernetzte Drohnen-Schwärme in Masse und Tempo sind die zentrale Herausforderung. Im Interview mit dem Defence Network erläutert der stellvertretende Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Heico Hübner, wie seine Truppengattung mit modernster Sensorik und neuen Systemen dieser „Industrialisierung der Bedrohung“ begegnet. Die laufende Aufstellung der Heeresflugabwehr sei hierbei bewusst als Neuaufstellung gedacht, nicht als Reaktivierung. Die Fragen stellte Navid Linnemann.
Herr General, welche Bedrohungen aus der Luft spielen für die Bundeswehr und das Deutsche Heer heute eine Rolle und welche davon stufen Sie aktuell als größte Herausforderung für die bodengebundene Luftverteidigung des Heeres ein?
Die Bedrohung aus der Luft hat sich in den letzten Jahren qualitativ deutlich verändert. Wir sehen heute eine klare Verschiebung weg vom singulären, hochkomplexen System hin zu einem vernetzten Bedrohungsmix aus Masse, Tempo und Präzision.
Im Zentrum stehen dabei unbemannte Systeme. Drohnen sind kostengünstig skalierbar, in großen Stückzahlen verfügbar und lassen sich vernetzt – bis hin zu koordinierten Schwärmen – einsetzen. In Kombination mit Artillerie und Fähigkeiten der elektronischen Kampfführung entsteht ein hochintegrierter Wirkverbund. Wir sprechen hier zunehmend von einer Industrialisierung der Luftbedrohung.
Das Gefechtsfeld ist dadurch nahezu persistent aufgeklärt. Sensor-to-Shooter-Zyklen verkürzen sich signifikant, Reaktionszeiten werden zur kritischen Größe.
Für die bodengebundene Luftverteidigung des Heeres bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Die zentrale Herausforderung liegt nicht mehr primär in der Bekämpfung einzelner Ziele, sondern im Umgang mit Gleichzeitigkeit, Masse und Geschwindigkeit koordinierter Angriffe – insbesondere im unteren und mittleren Luftraum.
Entscheidend wird daher die Fähigkeit sein, Drohnen- und Luftraumüberlegenheit im taktischen Nah- und Nächstbereich herzustellen und aufrechtzuerhalten – als Voraussetzung für Beweglichkeit und Wirksamkeit der Landstreitkräfte.
Technologisch erfordert das hochgradig integrierte, vernetzte Lösungen. Dazu gehören Sensorfusion, KI-gestützte Entscheidungsunterstützung, automatisierte Zielerkennung sowie skalierbare Effektoren – von kinetischen Systemen bis hin zu gerichteter Energie, etwa Lasertechnologie.
Technologie ist damit für uns klar ein Enabler. Der entscheidende Faktor bleibt jedoch der Mensch – in der Bewertung, in der Priorisierung und in der verantwortlichen Entscheidungsfindung.
Und der Ansatz muss durchhaltefähig sein, d. h. Hochtechnologie muss verbunden werden mit funktionaleffizienter Masse, so beispielsweise das Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz (LVS NNbS) mit einfachen kostengünstigen Systemen zur Drohnenabwehr aller Truppen.
Um diesen Bedrohungen zu begegnen: Wo sehen Sie die größten Fähigkeitslücken im Bereich Material und welche Systeme haben für die Bundeswehr derzeit höchste Beschaffungspriorität bzw. wie ist bei Skyranger oder Lasersystemen der aktuelle Stand?
Die größten Fähigkeitslücken sehen wir derzeit im Nah- und Nächstbereichsschutz – also genau in dem Segment, in dem unsere Kräfte im Einsatz am verwundbarsten sind. Es fehlt insbesondere an hochmobilen, durchsetzungsfähigen Lösungen zur Abwehr kleiner, schneller und niedrig fliegender Ziele, insbesondere unbemannter Systeme.
Ein verfügbares System heute hat für uns einen höheren operativen Wert als ein optimiertes System in zehn Jahren.
– Generalleutnant Heico Hübner
Unsere Antwort darauf ist ein konsequent gestaffelter Ansatz der bodengebundenen Luftverteidigung: leistungsfähige Systeme für den Raumschutz und gleichzeitig hochmobile Komponenten für den unmittelbaren Schutz der Truppe im Gefecht der verbundenen Waffen.
Bei den prioritären Beschaffungsvorhaben stehen für den Raumschutz insbesondere IRIS-T SLM und IRIS-T SLS im Fokus. Für den Nahbereich ist der Skyranger als hochmobiles System für den Begleitschutz vorgesehen – gewissermaßen als „Bodyguard“ der Landstreitkräfte im taktischen Einsatz.
Gleichzeitig ist klar: Hochwertsysteme allein werden nicht ausreichen. Wir brauchen zusätzlich Masse, und zwar schnell verfügbar und skalierbar. Deshalb setzen wir bewusst auch auf marktverfügbare Zwischenlösungen. Ein verfügbares System heute hat für uns einen höheren operativen Wert als ein optimiertes System in zehn Jahren.
Wir verfolgen dabei einen konsequent schrittweisen Ansatz: frühe Einführung, gekoppelt an eine allmähliche Weiterentwicklung im Betrieb. Das reduziert die Zeit bis zum tatsächlichen Einsatz in der Truppe und ermöglicht es uns, auf die dynamische Bedrohungsentwicklung adaptiv zu reagieren.
Ein zentraler Baustein ist der Aufbau einer integrierten Drohnenabwehr über alle Ebenen hinweg – von der untersten taktischen Ebene bis hin zum Korps. Entscheidend ist hier das nahtlose Zusammenspiel aus vernetzter Sensorik, durchgängiger Führungsfähigkeit, wirksamen Softkill-Optionen im Bereich der elektronischen Kampfführung sowie ausreichend verfügbaren Hardkill-Komponenten.
Laserbasierte Wirksysteme bieten insbesondere im Drohnenabwehrkontext ein erhebliches Potenzial, vor allem im Hinblick auf Kosteneffizienz pro Wirkung und hohe Wirksamkeit gegen Kleinstziele. Aktuell befinden sich diese Systeme jedoch noch in der technologischen Reifung und werden perspektivisch zunächst komplementär zu etablierten kinetischen Lösungen eingesetzt.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist darüber hinaus die industrielle Dimension: Wir benötigen belastbare Produktionskapazitäten, resiliente Lieferketten und ein höheres Maß an Standardisierung. Geschwindigkeit in der Beschaffung entsteht durch klare Priorisierung, vereinfachte Verfahren und die bewusste Reduktion von Komplexität. Unser Fokus liegt dabei konsequent auf dem militärisch Notwendigen und zeitkritisch Verfügbaren.
Nicht nur Material ist entscheidend, sondern auch Personal. Hier soll die 2012 aufgelöste Truppengattung der Heeresflugabwehr neu aufgestellt werden. 2024 fiel die Entscheidung, 2028 sollen zwei Flugabwehrbataillone stehen. In diesem Jahr ist Halbzeit, wie läuft die Aufstellung derzeit – auch in Hinblick auf Kooperation mit der Luftwaffe beispielsweise bei der Ausbildung der Soldaten?
Mit der Neuaufstellung der Heeresflugabwehr führen wir eine Fähigkeit wieder ein, die unter den heutigen Bedrohungsbedingungen von zentraler Bedeutung ist. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine Reaktivierung alter Strukturen, sondern um den Aufbau einer modernen, vernetzten Flugabwehr, konsequent ausgerichtet auf aktuelle und zukünftige Bedrohungen – insbesondere im Bereich unbemannter Systeme.
Die Aufstellung verläuft unter erheblichem Zeitdruck. Wir entwickeln Personal, Ausbildung, Material und Organisationsstrukturen parallel. Das ist anspruchsvoll, aber notwendig, um schnell zu einer wirksamen Erstbefähigung zu kommen.
Ein wesentlicher Meilenstein ist die Übernahme der Verantwortung für die Fliegerabwehr aller Truppen durch das Heer seit April 2026. Damit schaffen wir eine klare Zuständigkeit und bündeln die Fähigkeiten für den Schutz im Nah- und Nächstbereich innerhalb der Landstreitkräfte.
Im Hinblick auf die materielle Erstbefähigung ist die Übernahme des leichten Flugabwehrsystems Ozelot von der Luftwaffe bis März 2027 vorgesehen. Dieses System ermöglicht es uns, kurzfristig operative Fähigkeiten aufzubauen und gleichzeitig Personal auszubilden sowie Verfahren zu etablieren.
Der enge Schulterschluss mit der Luftwaffe ist dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor. Das gilt insbesondere für die Ausbildung, die Harmonisierung von Verfahren und die Nutzung gemeinsamer Systeme wie IRIS-T SLS und SLM. Hier entstehen konkrete Synergien, etwa bei der Qualifizierung von Bedienpersonal, der taktischen Ausbildung und der Weiterentwicklung gemeinsamer Einsatzgrundsätze.
Unser Ansatz ist von Beginn an streitkräftegemeinsam und systemisch gedacht: Luftverteidigung entsteht nicht durch Einzelsysteme, sondern durch das vernetzte Zusammenwirken von Sensorik, Führung und Effektoren über alle Ebenen hinweg.
Der Schwerpunkt der Heeresflugabwehr liegt klar im Nah- und Nächstbereichsschutz der Truppe. Gleichzeitig ist sie integraler Bestandteil einer umfassenden, mehrschichtigen Luftverteidigung.
Unser Anspruch ist es eine einsatzbereite, interoperable und zukunftsfähige Fähigkeit zur bodengebundenen Luftverteidigung zu etablieren – von Anfang an auf die aktuellen Bedrohungen ausgerichtet sowie personell, materiell und konzeptionell belastbar.
Für eine funktionierende Flugabwehr ist Aufklärung eine wesentliche Bedingung. Wie sieht es hier mit den Fähigkeiten des Heeres aus? Über welche EloKa-Fähigkeiten verfügt das Heer selbst, welchen Anteil liefern andere Teilstreitkräfte?
Aufklärung ist die Grundvoraussetzung jeder wirksamen bodengebundenen Luftverteidigung – oder anders gesagt: Wer nicht detektiert, identifiziert und klassifiziert, kann nicht wirken. Moderne bodengestützte Luftverteidigung beginnt daher mit leistungsfähiger, vernetzter Sensorik und einer schnellen, belastbaren Datenverarbeitung.
Wir bauen unsere Fähigkeiten im Heer in den Bereichen Sensorik, unbemannte Aufklärungssysteme und elektronische Kampfführung konsequent aus. Dabei geht es nicht nur um einzelne Sensoren, sondern um einen durchgängigen Aufklärungs- und Wirkverbund, der Informationen nahezu in Echtzeit zusammenführt, bewertet und auf dem Gefechtsfeld eingesetzt wird.
Künstliche Intelligenz und automatisierte Verfahren zur Zielerkennung und -priorisierung werden hier zunehmend eine wichtige Rolle spielen, insbesondere mit Blick auf die hohe Dynamik und Masse moderner Luftbedrohungen.
Im Bereich EWCA – also Electromagnetic Warfare and Cyber Activities – verfolgen wir im Heer einen klaren Integrationsansatz. Ziel ist es, entsprechende Fähigkeiten nicht nur auf höheren Führungsebenen vorzuhalten, sondern perspektivisch bis in die taktische Ebene, also bis hinunter auf Bataillonsebene, wirksam einzubinden. Das betrifft insbesondere Fähigkeiten zur Aufklärung im elektromagnetischen Spektrum, zur Störung gegnerischer Systeme sowie zum Schutz eigener Kräfte.
Gleichzeitig ist klar: Diese Fähigkeiten entstehen im streitkräftegemeinsamen Ansatz. Das Heer bringt eigene, taktisch ausgerichtete Fähigkeiten ein, insbesondere im unmittelbaren Gefechtsraum der Landstreitkräfte. Ergänzt werden diese durch spezialisierte und teilstreitkraftübergreifende Fähigkeiten – insbesondere im Bereich der elektromagnetischen Operationen und der Cyberdimension.
Wer nicht detektiert, identifiziert und klassifiziert, kann nicht wirken.
– Generalleutnant Heico Hübner
Entscheidend ist letztlich das nahtlose Zusammenwirken aller Beiträge in einem integrierten Lagebild. Nur wenn Sensorik, Führung und Wirkungsträger über Domänen und Ebenen hinweg vernetzt sind, erreichen wir die notwendige Reaktionsgeschwindigkeit und Wirksamkeit im heutigen Gefechtsfeld.
Unser Zielbild ist daher eine durchgängig vernetzte, resiliente und adaptive Aufklärungs- und Wirkarchitektur als Rückgrat einer zukunftsfähigen bodengebundenen Luftverteidigung.
Wie wird die Flugabwehr des Heeres in die gesamtstreitkräftegemeinsame Luftverteidigung der Bundeswehr und der NATO eingebunden? Welche Rolle spielen dabei C2-Systeme wie IBCS oder die NATO Integrated Air and Missile Defence?
Die Flugabwehr des Heeres ist von Beginn an ein integraler Bestandteil der gesamtstreitkräftegemeinsamen Luftverteidigung – national wie auch im NATO-Rahmen. Unser Ansatz ist konsequent auf Integration, Vernetzung und Interoperabilität ausgelegt. Denn wirksam wird Luftverteidigung heute nicht mehr durch isolierte Systeme, sondern durch das abgestimmte Zusammenwirken aller Sensoren, Führungsmittel und Effektoren über Domänen und Ebenen hinweg.
Innerhalb der Bundeswehr erfolgt die Einbindung der Heeresflugabwehr in ein streitkräftegemeinsames Luftverteidigungsdispositiv. Das Heer stellt dabei insbesondere Fähigkeiten im Nah- und Nächstbereichsschutz sowie für den Schutz beweglicher Kräfte im Einsatz. Diese werden in ein übergeordnetes Luftlagebild integriert und durch die entsprechenden Führungsstrukturen koordiniert.
Auf NATO-Ebene ist diese Integration noch einmal entscheidend erweitert. Hier bewegen wir uns im Rahmen der NATO Integrated Air and Missile Defence, also eines durchgängig vernetzten Systems kollektiver Luftverteidigung. Ziel ist ein gemeinsames, belastbares Luftlagebild sowie eine abgestimmte Einsatzführung über nationale Grenzen hinweg.
Eine Schlüsselrolle spielen dabei moderne C2-Systeme. Systeme wie IBCS stehen exemplarisch für einen Paradigmenwechsel: weg von plattformspezifischen Führungsansätzen hin zu offenen, modularen Architekturen, in denen Sensoren und Effektoren systemübergreifend miteinander vernetzt werden können.
Unser Zielbild ist daher klar: eine vollständig integrierte, mehrschichtige und multinational vernetzte Luftverteidigung, in der die Heeresflugabwehr ihren spezifischen Beitrag leistet.
– Generalleutnant Heico Hübner
Entscheidend ist dabei die Fähigkeit zum „sensor-to-shooter networking“ – also die schnelle, flexible Zuordnung von Sensorinformationen zu verfügbaren Wirkmitteln, unabhängig von ihrer originären Systemzugehörigkeit.
Für das Heer bedeutet das konkret: Unsere zukünftigen Flugabwehrsysteme müssen von Anfang an in solche Architekturen integrierbar sein. Interoperabilität, standardisierte Schnittstellen und Echtzeit-Datenverfügbarkeit sind keine Zusatzanforderungen mehr, sondern Grundvoraussetzungen.
Gleichzeitig bleibt die Führungsfähigkeit im hochdynamischen Gefecht zentral. C2-Systeme müssen nicht nur vernetzen, sondern auch Entscheidungsprozesse beschleunigen und robuste, resiliente Führung unter Bedrohung – insbesondere im elektromagnetischen Spektrum – gewährleisten.
Unser Zielbild ist daher klar: eine vollständig integrierte, mehrschichtige und multinational vernetzte Luftverteidigung, in der die Heeresflugabwehr ihren spezifischen Beitrag leistet – hochmobil, reaktionsschnell und nahtlos eingebunden in das Gesamtsystem.
Her General, vielen Dank für Ihre Antworten.
HINWEIS: Wenn Sie das Thema bodengebundene Luftverteidigung mit Herrn Generalleutnant Hübner diskutieren wollen, dann kommen Sie kommende Woche zum GBAD-Summit nach Berlin. Mehr Infos und letzte Tickets gibt es hier: CPM GBAD-Summit
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