Ausgerechnet in einem der instabilsten Länder der Welt baut die Türkei ihr Tor zum All – mitten im Einflussgebiet der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab. Defence Network besuchte die türkische Weltraumorganisation TUA und sprach über ein Prestigeprojekt in Somalia mit enormem Risiko. Dabei bestätigte TUA-Präsident Yusuf Kıraç, man habe für den Weltraumbahnhof bereits ein Abkommen mit einem sehr bekannten Raumfahrtunternehmen aus Deutschland geschlossen.



Den wichtigsten Grund für den Bau am Horn von Afrika brachte Kıraç auf den Punkt: „Unser Standort in Somalia liegt fast direkt am Äquator. Das nutzen wir zu unserem Vorteil, denn so brauchen wir weniger Treibstoff und können mehr Nutzlast transportieren.“ Orbitalstarts profitieren von der dort größeren Rotationsgeschwindigkeit der Erde.
Dieses Prinzip ist keineswegs neu: Die ESA nutzt seit Jahrzehnten aus genau diesem Grund ihren Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana. Nur liegt der gut 6.000 Kilometer von Europa entfernt, was Logistik und Anlieferung erheblich verkompliziert.

Ein äquatornaher Startplatz in erreichbarerer Distanz wäre daher auch für europäische Akteure grundsätzlich attraktiv. In Ankara wurde deutlich, dass die Türkei den europäischen Raumfahrtnationen mit ihrem Weltraumbahnhof genau dieses Angebot machen möchte.
Äquator-Vorteil trifft auf Staatszerfall
Doch im Standortvorteil liegt ebenso das Kernproblem des Projekts. Somalia gilt seit Jahrzehnten als Paradebeispiel eines Failed State: Große Landesteile werden von verschiedenen Lokalregierungen oder der IS-nahen Terrormiliz Al-Shabaab kontrolliert. Im Kampf gegen die Islamisten unterstützt die Türkei das Land nicht nur durch Waffenverkäufe (z. B. Drohnen), sondern operiert auch selbst mit Luftschlägen.
Durch ziviles und militärisches Engagement macht sich die Türkei in Somalia jedoch zum Ziel für Al-Shabaab. So gab es bereits mehrfach Angriffe auf türkische Staatsbürger, darunter tödliche Bombenanschläge auf Bauarbeiter, Ingenieure und Konvois, die an Straßenbauprojekten in Mogadischu beteiligt waren.
Insbesondere der Bau und spätere Betrieb des türkischen Weltraumbahnhofs dürfte demnach ein hohes Maß an militärischem Schutz erfordern. Die Kooperation der beiden Länder gilt als sehr eng. Im Camp TURKSOM, der größten militärischen Einrichtung der Türkei im Ausland, können bis zu 1.000 somalische Soldaten gleichzeitig ausgebildet werden. Bezeichnet werden sie als Gorgor-Kommandobrigade. Sie sollen die somalischen Spezialkräfte darstellen, ihre Ausbildung findet teilweise auch in der Türkei statt.

Die militärische Zusammenarbeit beider Länder dürfte zukünftig noch weiter ausgebaut werden. Erst am Montag reiste der Chef der somalischen Armee, Brigadegeneral Ibrahim Mohamed Mahmoud, zu Gesprächen mit dem türkischen Verteidigungsminister Yaşar Güler und dem Generalstabschef der Türkei, General Selçuk Bayraktaroğlu, nach Ankara.
Doch der Kampf gegen Al-Shabaab ist langwierig und bisher nicht von Erfolg gekrönt. Zur Absicherung des Weltraumbahnhofs haben die türkischen Streitkräfte ihre Sicherheitsvorkehrungen daher verstärkt. Unter anderem sollen Kampfpanzer zum Schutz türkischer Einrichtungen in Somalia stationiert worden sein – ungewöhnlich für ein nach Aussage von Kıraç „überwiegend zivil und friedlich“ genutztes Infrastrukturprojekt.
Tatsächlich dürfte der Weltraumbahnhof auch militärisch genutzt werden, dual-use eben. Zum einen werden die Türken von hier auch militärische Satelliten ins All bringen, und zum anderen entwickelt die türkische Rüstungsindustrie derzeit eine Vielzahl an weitreichenden Raketen, die geeignete Testmöglichkeiten benötigen. Der indische Ozean bietet für Raketen wie Yıldırımhan mit ihrer angepeilten Reichweite von 6.000 Kilometern genau das.

Es geht auch anders: Israel setzt auf Somaliland
Interessant ist der Kontrast zum benachbarten Somaliland: Die abtrünnige Region hat sich seit ihrer einseitigen Unabhängigkeitserklärung 1991 zu einem der stabilsten Staatsgebilde in Ostafrika entwickelt, mit funktionierenden Wahlen und laut Freedom House mehr politischen Freiheiten als fast jeder Nachbarstaat. Nur Kenia schneidet etwas besser ab.
Ende Dezember 2025 erkannte ausgerechnet Israel Somaliland als erster UN-Mitgliedstaat weltweit offiziell an. (Auch Taiwan ging diesen Schritt). Doch wie die Türkei verfolgt auch Israel bestimmte Interessen am Horn von Afrika. Für Tel Aviv ist die Region unter anderem als Ausgangspunkt für die eigene U-Boot-Präsenz im Golf von Aden interessant.
Startet Isar Aerospace bald vom Äquator?
Ein direkter Bezug zwischen dem türkisch-somalischen Weltraumbahnhof und deutschen Raumfahrtunternehmen lässt sich aktuell nicht belegen. In Ankara verkündete Yusuf Kıraç jedoch eine entsprechende Absichtserklärung. „Die gute Nachricht ist“, so der TUA-Präsident, „dass wir bereits ein MoU mit einem in Deutschland ansässigen Unternehmen unterzeichnet haben – vielleicht haben Sie schon einmal davon gehört: Isar.“
Nach seiner Darstellung beabsichtige Isar Aerospace von Somalia aus zu starten. Die türkische Raumfahrtbehörde würde demnach bereits Gespräche mit dem Unternehmen aus Ottobrunn führen, was Kıraç auf explizite Nachfrage von Defence Network bestätigte. Aus Deutschland hört man derweil nichts darüber. Isar Aerospace ließ Anfragen von Defence Network bis zum Erscheinen dieses Artikels unbeantwortet.

Eine mögliche Verbindung zwischen Deutschland und der Türkei ist der Unternehmer Bülent Altan. Der türkisch-amerikanische Raumfahrtpionier und früherer SpaceX-Manager ist der Aufsichtsratsvorsitzende sowie einer der frühen Investoren von Isar Aerospace. Für den Weltraumbahnhof in Somalia fand er im Mai lobende Worte; eine direkte Beteiligung auch an der türkischen Weltraumbehörde ist jedoch nicht bekannt.
Unabhängig davon setzen die deutschen New-Space-Firmen bislang auf andere Startplätze: Isar Aerospace selbst testet seine Trägerrakete „Spectrum“ vom norwegischen Andøya Spaceport aus, die Rocket Factory Augsburg plant ihren Erststart vom schottischen SaxaVord auf den Shetlandinseln (ein gesetzter Test dort wurde vergangene Woche abgebrochen).
Beide Standorte liegen nahe dem Polarkreis und eignen sich vor allem für polare Umlaufbahnen – anders als äquatornahe Startplätze wie Kourou oder eben der geplante Weltraumbahnhof in Somalia, die für geostationäre Missionen die effizientere Wahl sind. Doch all diese Optionen sind reine Zukunftsmusik: Gegenwärtig führt für westliche Länder und ihre Starts ins All fast kein Weg an den USA vorbei. Was auch an fehlenden Trägerraketen liegt. Der Großteil europäischer Satelliten findet mithilfe von Elon Musks Falcon-Raketen in ihre Umlaufbahnen.
Türkischer Weltraumbahnhof in Somalia – eine echte Chance?
Doch der Trend geht – aus mehreren Gründen – weg von US-amerikanischen Abhängigkeiten. Neben der Entwicklung europäischer Trägerraketen könnten also auch zusätzliche Startkapazitäten in Europas Nachbarschaft interessant sein.

Einen äquatornahen europäischen Alternativstandort zu Kourou gibt es bislang nicht, der türkische Weltraumbahnhof in Somalia sei genau deshalb für europäische Anbieter eine naheliegende (im wörtlichen Sinne) Alternative, argumentierte Kıraç.
Doch auch wenn Somalia am Indischen Ozean näher an Europa liegt als Südamerika, ist der Weg dorthin nicht unbedingt leichter. Schiffe, die Trägerraketen an Somalias Küsten transportieren sollen, müssten zunächst durchs Rote Meer – und das ist bekanntermaßen derzeit ebenso unsicher, wie Somalia selbst.
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