Schweden oder Briten – Mit wem baut Deutschland den Eurofighter-Erben?

Navid LinnemannNavid Linnemann

Ein internes Papier aus dem Verteidigungsministerium soll nach Angaben des Magazins POLITICO empfehlen, den Eurofighter-Nachfolger mit Schweden und Spanien zu bauen und nicht dem britischen GCAP-Programm beizutreten. Entschieden ist noch nichts, doch die Zeit für eine Entscheidung drängt. Was spricht für die beiden Optionen, was benötigt Deutschland?

Seine Zeit neigt sich dem Ende, doch sein Erbe ist unklar: Der Eurofighter.
Seine Zeit neigt sich dem Ende, doch sein Erbe ist unklar: Der Eurofighter.
Foto: Pexels / Leon Aschemann

Beamte im Verteidigungsministerium sollen der Bundesregierung geraten haben, das von der Luftwaffe benötigte neue Kampfflugzeug der sechsten Generation gemeinsam mit Schweden und Spanien zu entwickeln. Das zumindest soll aus einem internen Ministeriumsdokument hervorgehen, über das POLITICO gestern berichtete. Die interne Bewertung nennt eine solche Partnerschaft „vorteilhafter und vielversprechender” als den Beitritt zum Global Combat Air Programme (GCAP), an dem bisher Großbritannien, Italien und Japan beteiligt sind.

Das Papier ist keine Regierungsentscheidung. Es ist auch nicht bekannt, ob Verteidigungsminister Boris Pistorius die Ansicht seiner Beamten teilt. Ebenso könnte das Dokument gezielt durchgestochen worden sein, um Verhandlungspositionen gegenüber den GCAP-Nationen zu verbessern.

Fest steht nur, dass Deutschland seit dem Aus des New Generation Fighters (NGF) im Juni nach einer Alternative für seinen nächsten Kampfjet sucht. Das übergeordnete FCAS-Programm war 2017 zwischen Deutschland und Frankreich gestartet, Spanien kam später dazu. Ab etwa 2040 sollte ein neuer Jet den Eurofighter ersetzen. Doch NGF und FCAS scheiterten an jahrelangen Streitigkeiten zwischen Dassault und Airbus über Führung und Arbeitsanteile.

Seither wird unter Beobachtern immer wieder über eine Kooperation mit Schweden gesprochen. Das Land verfügt mit Saabs Gripen über viel Know-how im Bau von Kampfflugzeugen. Als zweite mögliche Option gilt der angesprochene GCAP-Beitritt. Am 8. Oktober sprach der neue britische Premierminister Andy Burnham Kanzler Friedrich Merz in Berlin auf eine deutsche Beteiligung an GCAP an. Daraufhin sollen beide Regierungen Gespräche auf Beamtenebene vereinbart haben.

Option 1: Der Kampfjet mit Schweden und Spanien

Was dafür spricht: Laut der internen Bewertung haben Deutschland, Schweden und Spanien sehr ähnliche militärische Anforderungen und vergleichbare Ausgangspositionen. Das Papier regt außerdem ein Joint Venture von Airbus und Saab an und schlägt vor, die Gripen E als technologische Brücke zu nutzen, bis ein neues Flugzeug fertig ist.

Schweden kann Kampfjets: der Gripen E von Saab.
Schweden kann Kampfjets: der Gripen E von Saab.
Foto: Saab

Die Luftfahrtstrategie der Bundesregierung formuliert den Anspruch, ein solches Programm zu führen oder substanziell mitzugestalten. Der Industrieverband BDLI hält dafür eine Kooperation mit Saab für eher denkbar als einen GCAP-Beitritt, sofern sie „auf Augenhöhe” stattfindet (Defence Network berichtete).

Was dagegen spricht: Aus Stockholm gibt es bisher keine konkreten Zusagen. Saab verweist darauf, dass über so große Kooperationen die Regierungen entscheiden. Das Land aber ist in seinen Planungen über einen Nachfolger der aktuellen schwedischen Kampfjets noch in einem früheren Stadium als die Programme, die schon laufen. Das gilt insbesondere auch für Planungs- und Entwicklungsschritte, die Deutschland im Rahmen von FCAS bereits durchlaufen hat.

Für ein Programm mit Schweden müsste Deutschland Regierungsstrukturen, Industriepartner und Entwicklungsarbeit demnach neu aufbauen. Das kostet Zeit. Außerdem kann niemand garantieren, dass Airbus und Saab bei Führung und Arbeitsteilung besser zusammenarbeiten als zuvor Airbus und Dassault.

Option 2: Der Beitritt zu GCAP

Was dafür spricht: GCAP ist deutlich weiter, als es jedes neue Programm wäre. Strukturen, Partner und Entwicklungsarbeit stehen schon. Großbritannien signalisierte Offenheit: London wirbt um Berlin sowohl in einer Rolle als Beobachter als auch als Teilnehmer. Kanada ist bereits Beobachter, was ein Weg zu späterer Vollmitgliedschaft sein könnte.

Modell des GCAP-Kampfflugzeugs auf einer Messe vor einer Displaywand mit den Flaggen von Italien, Großbritannien, Japan und Kanada
Das GCAP-Modell in Originalgröße vor dem Edgewing-Gebäude auf der Farnborough International Airshow 2026, mit der kanadischen Flagge neben denen Großbritanniens, Italiens und Japans auf der dahinterliegenden elektronischen Anzeigetafel, da Kanada Beobachterstatus im Programm erhält.
Foto: CPM / Peter Felstead

Dazu kommt das Kriterium Zeit: GCAP würde schneller in deutschen Hangars stehen, als andere eine Neuentwicklung mit Saab. Das erhöht allerdings auch den Druck: Leonardo-Chef Lorenzo Mariani sagte im Juli, ein neues Mitglied müsse innerhalb von zwölf Monaten dazukommen.

Was dagegen spricht: Die von POLITICO zitierte Bewertung hält es für schwierig, in einem bereits etablierten Programm einen größeren Anteil an Entwicklung und Produktion zu bekommen. Sie wirft dem britischen Konzern BAE Systems zudem vor, beim Eurofighter eigene Exportinteressen über deutsche und italienische Interessen gestellt zu haben, und warnt, britische Dominanz sei mit einer Partnerschaft auf Augenhöhe nicht vereinbar – genau das potenzielle Problem, das zum FCAS-Aus geführt haben dürfte.

Die drei Industriepartner bei GCAP könnten zudem zurückhaltender sein, den Teilnehmerkreis zu öffnen, da sie weniger Arbeit je Land oder Verzögerungen befürchten könnten. Ein weiteres Gegenargument könnte das Einsatzprofil von GCAP sein. Großbritannien, Italien und Japan benötigen allesamt einen Kampfjet, der in maritimen Szenarien eingesetzt werden soll; Deutschlands Anforderungen sind auf einen kontinentalen Einsatz ausgelegt.

Militärische Anforderungen: Was die Luftwaffe braucht

Beim Air Force Tech Summit (AFTS) vor zwei Wochen wurde noch einmal daran erinnert, dass die Luftwaffe wesentlich mehr benötigt als nur eine Plattform. Ein Kampfjet der sechsten Generation soll Teil eines System-of-Systems-Ansatz sein – der Grundgedanke bei FCAS und NGWS.

Infografik zur Unterscheidung NGWS, FCAS und NGF – und wie diese miteinander verbunden sind.
Infografik zur Unterscheidung NGWS, FCAS und NGF – und wie diese miteinander verbunden sind.
Grafik: Bundeswehr

Ein neuer Fighter wäre dann über eine Combat Cloud verbunden mit unbemannten Systemen (Loyal Wingman, Remote Carriers) und auch über Aufklärungssensorik im All. Auf dem AFTS-Panel zum Thema FCAS-Ersatz wurde betont, dass aus Sicht der Luftwaffe der operative Bedarf die Grundlage jedes Programms sein müsse und nicht Industriepolitik. Die entscheidende Frage lautet also: Welche Partnerschaft lässt sich auf diese Anforderungen am besten zuschneiden, und wie viel Mitsprache haben deutsche Unternehmen dabei?

Industrielle Anforderungen: Wer baut mit?

Hier liegt ein Unterschied zur Industrie: Während die Bundeswehr nach Bedarf beschaffen möchte – wie beispielsweise bei der F-35 – ist für die deutsche Industrie eine Mitsprache auf Augenhöhe zentral. Airbus erklärte laut POLITICO, man sei zur Zusammenarbeit offen, wenn deutsche und spanische Unternehmen eine „substanzielle und gleichberechtigte Rolle” bei Entwicklung, Produktion und Betrieb bekämen.

Bei der Beschaffung der F-35 für Deutschland standen militärische Bedarfe im Vordergrund.
Bei der Beschaffung der F-35 für Deutschland standen militärische Bedarfe im Vordergrund.
Foto: Lockheed Martin

Wie auch immer eine politische Entscheidung aussieht – ob Schweden oder Briten – ohne industrielle Grundlage könnte auch dieses Programm scheitern. Mit „Team Gen 6“ brachten sich im Sommer 2026 deutsche Unternehmen in Position, um ihren Anteil an der Entwicklung und Produktion eines neuen Kampfjets der 6. Generation zu leisten. Dennoch zeigt die Erfahrung mit FCAS, dass ein Streit um Arbeitsanteile jedes Programm lahmlegen kann, egal mit welchen Partnern.

Was jetzt zu entscheiden ist

Beide Wege haben einen Preis. Die schwedisch-spanische Variante verspricht mehr Gestaltungsmacht und ähnliche Anforderungen, ist aber politisch und industriell noch nicht abgesichert und beginnt weitgehend bei null. GCAP bietet Tempo und einen bestehenden Rahmen, könnte Deutschland aber nur begrenzten Einfluss lassen und passt – zumindest nach Ansicht einiger Beamter im Minsiterium – nicht zu den eigenen Anforderungen.

Einzig der Zeitdruck bleibt: Der Eurofighter soll ab etwa 2040 ersetzt werden.

Daraus ergibt sich ein politischer Arbeitsauftrag. Die Bundesregierung muss schnell klären, ob Schweden und Spanien überhaupt zu einem gemeinsamen Programm bereit sind. Sie muss dann die operativen Anforderungen so festlegen, dass sie die Partnerwahl auch gegenüber der Luftwaffe begründen. Zudem braucht jede Entscheidung klare Regeln für Führung und Arbeitsteilung, bevor ein Vertrag unterschrieben wird, damit sich ein Streit wie bei FCAS nicht wiederholt.

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