Wenn die Ukraine den Verteidigungskrieg gegen Russland gewinnt, dann auch dank der Ausrichtung ihrer Streitkräfte, die entgegen den Trends in allen Streitkräften weltweit war. Nicht teuer und high-sophisticated, sondern günstig und trotzdem State-of-the-Art, dieses Prinzip betreibt die Ukraine bis zur Perfektion. Während andere Nationen noch über die Umsetzung einer abhör- und störsicheren IT diskutieren, nehmen die ukrainischen Streitkräfte vorhandene zivile Technologien, um diese in einem Maß zu kombinieren und zu nutzen, dessen Wirksamkeit selbst die NATO vor Probleme stellen würde.
Russland setzt dem, wie in jedem Krieg, Masse entgegen – ungeachtet der eigenen Verluste. Auch die Ukraine setzt auf Masse, allerdings nur bei der Technologie, nicht bei Menschenleben. Doch sowohl bei der Wirksamkeit (z.B. allein schon das Ankommen am Ziel) als auch der Sicherheit (z.B. Nutzung chinesischer Komponenten oder nicht-abhörsicherer Kommunikationslinien) macht die Ukraine deutliche Abstriche zugunsten einer günstigen und vor allem schnellen Massenproduktion.
Der Lenkflugkörper vom Ballon
Nun treibt die Ukraine diese Methode auf eine neue Spitze: Statt teuren Marschflugkörpern oder der Verbringung von Waffen durch Flugzeuge setzt sie auf Ballons. Was sich nach einem Vorgehen aus dem Ersten Weltkrieg anhört, ist dabei aktuelle Hochtechnologie. Und besonders wirksam, man erinnere sich an die chinesischen Spionageballons im Jahr 2023 über den USA, deren Entdeckung erst sehr spät geschah, weil Ballons mit der üblichen und auf schnelle Angreifer ausgerichteten Luftverteidigung kaum auszumachen sind.
Gleichzeitig unterstützt die Umwelt die Ukraine in diesem Fall, da die Luftströmungen über Europa sich entgegen der Erdrotation meistens von West nach Ost, in Osteuropa sogar von West nach Nordost bewegen. Der bekannteste und konstanteste dieser Luftströme ist der Jetstream. Wenn Ballons in der Ukraine starten und knapp unterhalb der Stratosphäre fliegen, dann bewegen sie sich also normalerweise naturgemäß Richtung Russland. Mit ein wenig Erfahrung dürften die ukrainischen Streitkräfte sogar in der Lage sein, bei stabilem Wetter direkt auf Moskau zu zielen.
An diesen Ballons hängen dann allerdings keine Fallbomben, sondern Drohnen und lenkbare Flugkörper. Ein Lenkflugkörper namens DART wurde sogar extra für diese Art der Kriegsführung erschaffen, das ukrainische Militärnewsportal Militarnyi berichtete erstmals über diese ukrainische Eigenentwicklung.
„Die Rakete wird mithilfe eines Navigationssystems gesteuert, aber nach Erreichen einer Höhe von etwa 6 Kilometern wird die Navigation vollständig abgeschaltet, der Feststoffantrieb aktiviert, und anschließend fliegt sie ohne Kursänderung weiter auf das Ziel zu“, schreibt Militarnyi über DART. „Durch die Deaktivierung der Systeme während des Fluges zum Ziel wird verhindert, dass die elektronische Kampfführungsausrüstung des Feindes die Rakete beeinträchtigt.“
Die KI-gelenkten Hornet-Drohnen der Ukraine
Doch nicht nur Lenkflugkörper werden von Ballons aus gestartet, auch Drohnen. So hat KettleTech Labs jüngst ein Video veröffentlicht, wo eine ukrainische Hornet-Drohne – nicht zu verwechseln mit den Nano-Drohnen Black Hornet, welche auch die Bundeswehr besitzt – von einem Ballon aus gestartet wird.
Die Hornets der Ukraine sollen – so übereinstimmende Medienberichte aus ukrainischen und russischen Quellen – ihr Ziel dabei selbstständig mittels Künstlicher Intelligenz ansteuern, wodurch sie unabhängig von einer Verbindung in Richtung Heimat agieren.
Der russische Militärblogger „Молот Vедьм“ (zu deutsch „Der Hexenhammer“) berichtet auf seinem Telegram-Kanal: „In den meisten Fällen fliegt die Drohne in geringer Höhe (etwa 200 m) entlang unserer Transportwege, fixiert dann das Ziel und führt den Angriff durch; die Drohne nähert sich dem Ziel sehr leise, sodass in der Regel nicht alle rechtzeitig reagieren können.“ Dies deutet auf eine Wegpunktenavigation hin, welche beispielsweise auch der deutsche Marschflugkörper Taurus nutzt.
„Diese Drohne terrorisiert unsere Nachschublinien sehr aktiv; es gibt unter anderem Fälle, in denen unsere Fahrzeuge in Entfernungen von >50 km von der LBS (Mariupol-Autobahn) getroffen wurden. Die Hauptaktivität konzentriert sich auf die Richtung Pokrowsk (Selidowo/Ocheretino), aber sie tauchen überall auf, auch in Richtung Belgorod“, so Молот Vедьм weiter zu den russischen Informationen über die Hornet. „Die vorrangigen Ziele der Drohne sind unsere Technik und unsere Fahrzeuge, doch in Einzelfällen wechselte sie das Ziel und griff unsere Infanterie an (sodass MOGs und PVNs zu den vorrangigen Zielen dieser Drohne gehören könnten).“
Bei diesen durch die Ukraine genutzten – und nun auch von Ballons aus gestarteten – Hornets scheint es sich um modifizierte Versionen der ursprünglich amerikanischen Drohne zu handeln, welche die US-Streitkräfte beispielsweise auch bei einer Vorführung des 7. Army Training Command auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr am 25. März 2026 nutzten.
Die U.S. Army beschreibt den Hauptnutzen der Hornet als offensives Kriegsmittel, sie kann hierfür einen Gefechtskopf von vier Kilogramm tragen. Wobei die Drohne bereits vom Hersteller als kostengünstige Alternative zu Lenkflugkörpern propagiert wird.
Ballons gegen Russland
Dieses System kann und wird also künftig mittels ebenfalls günstigen Ballons weit nach Russland hinein wirken können. Um zurück zum Fall der chinesischen Ballons über den USA im Jahr 2023 zu kehren: Dieser konnte nicht nur unbemerkt in den amerikanischen Luftraum eindringen, es soll zudem nicht der erste gewesen sein, sondern vielmehr der vierte, berichtete seinerzeit BBC News.
Auch die russische Luftverteidigung dürfte Probleme damit bekommen, ukrainische Ballons knapp unterhalb der Stratosphäre zu identifizieren, für deren Abschuss dann zudem – aufgrund der Höhe – teure Flugkörper zu nutzen wären. Dies alles für eine günstige Drohne getragen von einem noch günstigeren Ballon. Ein weiterer Beweis für die enorm pragmatische Innovationskraft der Ukraine.
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