Die europäische Defense-Industrie steht vor der Aufgabe, Munitionskapazitäten kurzfristig und zugleich dauerhaft auszubauen. Besonders bei Artilleriemunition, Mörsermunition und Panzermunition geht es nicht mehr nur um einzelne Maschinen oder isolierte Prozessschritte. Gefragt sind belastbare Fertigungssysteme, die hohe Stückzahlen, stabile Qualität und eine nachvollziehbare Anlagenleistung verbinden. Die EU verfolgt mit dem ASAP-Programm das Ziel, Engpässe in der Munitionslieferkette zu reduzieren und die Produktionskapazität für 155-mm-Artilleriemunition deutlich zu erhöhen. Genannt wird dabei eine Zielgröße von 2 Millionen 155-mm-Geschossen pro Jahr.
Für Hersteller von Munition bedeutet das: Neue Produktionslinien müssen schnell anlaufen, im Serienbetrieb verfügbar bleiben und ihre Leistung transparent nachweisen. Genau an dieser Stelle setzt EMAG mit Turnkey-Lösungen für die spanende Bearbeitung von Munitionskomponenten an. Im Fokus stehen dabei Prozessauslegung, Maschinenkonzept, Automation, Spanntechnik, Werkzeugtechnologie, Messintegration, Spänemanagement und OEE-Betrachtung (Overall Equipment Effectiveness; auf Deutsch: Gesamtanlageneffektivität) als zusammenhängendes System.
Auf der Eurosatory 2026 zeigt EMAG (Halle 5, Stand B235) entsprechende Fertigungslösungen für die Verteidigungsindustrie. Dabei stehen die hochpräzise Bearbeitung von 155-mm-Artilleriegeschossen auf der Universaldrehmaschine USC 850 sowie das elektrochemische Rifling von Geschützrohren mit der PO 3000 IP im Mittelpunkt. Beide Systeme sind speziell für die Anforderungen der Verteidigungsindustrie ausgelegt: höchste Präzision, Prozesssicherheit und wirtschaftliche Serienfertigung.
Markus Clement, CEO der EMAG Gruppe: „Jedes Projekt erfolgreich abzuschließen ist Teil der DNA von EMAG und unsere Verpflichtung gegenüber unseren Kunden. Wir sind uns der Sensibilität der Verteidigungsindustrie bewusst und haben unsere Prozesse speziell hierfür optimiert.“
Worauf es bei der Produktion für Munition ankommt
Bei der Fertigung von Munition entscheidet nicht allein die Bearbeitungszeit einer einzelnen Maschine. Entscheidend ist die Leistung der gesamten Linie. Eine Turnkey-Lösung muss daher drei Anforderungen gleichzeitig erfüllen: Geschwindigkeit, Verfügbarkeit und Messbarkeit.
Geschwindigkeit bedeutet in diesem Kontext, dass die Linie auf eine definierte Jahresmenge ausgelegt wird. Bei einem beispielhaften Projekt zur Schruppbearbeitung von 155-mm-Geschossen wird eine Kapazität von 120.000 Teilen pro Jahr zugrunde gelegt. Unterstellt werden zwei Schichten a sieben Stunden pro Tag an 250 Arbeitstagen. Daraus ergibt sich ein Bedarf von acht Maschinen, die vollständig automatisiert produzieren. Bei höheren Kapazitätszielen lassen sich Linien mit 10+ Maschinen realisieren, die sofort eine höhere Ausbringung erreichen, so EMAG.
Verfügbarkeit bedeutet in diesem Kontext, dass die Produktionslinie auch bei Werkzeugwechseln, Prüfungen oder Wartungen nicht vollständig zum Stillstand kommt. EMAG setzt dafür auf ein Automationskonzept mit Top-Loading und sogenannten „fliegenden“ Robotern auf einem Portal. Die Maschinen werden von oben be- und entladen. Der Bediener hat weiterhin Zugang zur Frontseite der Maschine. Einzelne Maschinen können gestoppt werden, beispielsweise für einen Werkzeugwechsel, während die übrigen Maschinen weiterlaufen. Damit lässt sich ein OEE >80% erreichen. Die technische Verfügbarkeit der Einzelmaschine liegt bei >95%. Konventionelle Zellen mit bodengeführtem Roboter und Frontbeladung haben hier einen Nachteil, weil bei Eingriffen häufig die gesamte Zelle angehalten werden muss.
Messbarkeit bedeutet, dass Leistung nicht geschätzt, sondern nachgewiesen wird. Dazu gehören OEE-Betrachtungen, Taktzeitberechnungen, Anlagen- und Materialflusssimulationen sowie integrierte Messkonzepte. EMAG validiert Linienkonzepte bereits in der Angebotsphase mit Simulationen. Im Projektverlauf werden diese Daten weiter konkretisiert. Für den Kunden entsteht dadurch eine belastbare Grundlage für Kapazitätsplanung, Personalplanung, Werkzeugeinsatz, Wartungsfenster und spätere Produktionssteuerung.
EMAG stellt heraus, der Kern ist die Gesamtverantwortung für den Fertigungsprozess. Nicht einzelne Maschinen liefern, sondern ein integriertes System: Prozessauslegung, Maschinenauswahl, Automation, Peripherie wie Messen oder Markieren, Spannmittel, Spänemanagement, Inbetriebnahme und Know-how-Transfer. Und das möglichst aus einer Hand.
Besonders wichtig: Die Verteidigungsindustrie arbeitet häufig nur mit Skizzen statt vollständigen Zeichnungen – das erfordert Prozessreserven und einen Partner, der mit Unsicherheiten umgehen kann. Und hier grenzt EMAG sich nach eigener Aussage bewusst von Wettbewerbern ab, die oft nur die Maschinen bereitstellen, aber den Prozess nicht betreuen.
Am Ende ist Gesamt-Anlagen-OEE-Betrachtung entscheidend Inkl. Vorab-Validierung durch Planungssimulation (Plant Simulation). Der Kunde bekommt bereits in der Angebotsphase eine belastbare OEE-Aussage, so erläutert EMAG den Ansatz.
Dabei spielen diese Eingabeparameter eine gewichtige Rolle:
- Zykluszeiten von Maschinen und Automatisierungsanlagen
- Verfügbarkeit und MTTR (Mean Time To Repair) der Teilsysteme (Maschinen, Roboter, Markierung, Messung…)
- Werkzeugstandzeit / Verwaltung von Ersatzwerkzeugen
- Werkzeugwechselzeiten
- Ausschussquoten
- Organisatorische Parameter (Tage pro Jahr, Schichten pro Tag, …)
Warum diese Anforderungen heute besonders relevant sind
Die aktuelle Sicherheitslage führt dazu, dass Munitionsproduktion nicht mehr als kurzfristiges Beschaffungsproblem betrachtet werden kann. Sie ist ein industrielles Kapazitätsthema. Europäische Programme zielen deshalb darauf ab, Produktionslinien auszubauen, Lieferzeiten zu verkürzen und kritische Engpässe in der Lieferkette zu reduzieren. Auch der European Defence Readiness Roadmap 2030 wird eine schnelle Skalierung der europäischen Verteidigungsproduktion zugeschrieben, unter anderem durch koordinierte Investitionen, gemeinsame Beschaffung und gezielte Förderung.
Für Munitionshersteller bedeutet das: Sie müssen nicht nur zusätzliche Maschinen beschaffen. Sie müssen industrielle Serienprozesse aufbauen, die über Jahre stabil laufen. Dabei zählen reproduzierbare Qualität, hohe Anlagenverfügbarkeit, dokumentierte Prozesse und die Fähigkeit, Produktionsvolumen bei Bedarf zu erhöhen. Eine Maschine, die lediglich auf dem Hallenboden installiert wird, reicht dafür nicht aus. Benötigt wird ein Partner, der den Gesamtprozess versteht und die Schnittstellen zwischen Maschine, Automation, Spannmittel, Werkzeug, Messung und Service beherrscht.
Es geht nicht mehr um Einzellose, oder um Depots einmalig erneut zu befüllen. Sondern um langfristige Produktionslinien mit nachweisbarer Lieferfähigkeit gegenüber staatlichen Auftraggebern. Wer keine messbare OEE und hohe Verfügbarkeit nachweisen kann, bekommt keine Folgeaufträge, so EMAG.
Fertigungskonzepte und Automatisierung sind der Schlüssel zu hoher Produktivität
Für große 155-mm-Artilleriegeschosse ist die Bauteillänge entscheidend. Vertikale Maschinen stoßen hier an Grenzen, weil das Bauteil zu lang wird. Die Lösung ist eine horizontale Hochleistungsdrehmaschine wie die USC 850. Sie ist auf schwere Drehoperationen ausgelegt und bietet mit großem Spindeldurchlass die Möglichkeit, lange Bauteile tief genug in die Spindel einzubringen. In der Finish-Bearbeitung können mehrere Operationen erforderlich sein, darunter Schruppen vor und nach dem Härten, Außenkonturbearbeitung, Planbearbeitung, Nutbearbeitung, Bearbeitung geschweißter Ringe und Innengewindeoperationen.
Erfahrung und Partnerschaft für die erfolgreiche Großserienfertigung
EMAG verfügt über jahrzehntelange Erfahrung mit automatisierten und taktzeitkritischen Serienprozessen sowie Großprojekten. Diese hat sich bereits seit Jahrzehnten in vielen Industrien weltweit bewährt. Aktuell befinden sich am Hauptsitz der EMAG Gruppe in Salach zwei Großserienanlagen für 155-mm-Artilleriemunition im Aufbau. EMAG bietet unter anderem vertikale und horizontale Drehmaschinen, Automationslösungen, Prozesssimulationen, Wissen über Spanntechnik und Werkzeugauslegung sowie Messintegration und einen globalen Service.
Ein besonderer Vorteil liegt in der Turnkey-Kompetenz. EMAG betrachtet nicht nur die Bearbeitungsmaschine, sondern den Gesamtprozess. Dazu zählen Werkzeugkonzepte, Automation, Zugänglichkeit, Spänemanagement, OEE, Service und Know-how-Transfer bei der Inbetriebnahme. Gerade in der Defense-Industrie ist das wichtig, weil Vertrauen, Prozesssicherheit und Projektdisziplin eine zentrale Rolle spielen.
Aber die EMAG kann nicht nur 155-mm-Artilleriegeschosse (Munitionsart, Kaliber, Maschine(n)):
- Artilleriegeschoss (Haubitze), 155 mm, USC 850 (horizontal)
- Panzermunition, 120 mm, VL 8 (vertikal)
- Mörsermunition, 120 mm, VT 4 + VL 8
- Haubitzmunition, 105 mm, VL 4 / VL 6
- Kleinere Mörserkaliber, diverse, VT 2 / VL 4 / VL 6
- Nebenteile (Deckel, Zünder), 155 mm Ø, VL 3 DUO
Für maximale Kapazitäten deckt EMAG das gesamte Spektrum ab – von kleineren Fertigungsumfängen bis hin zur industriellen Großserie. Die modular aufgebauten Linien lassen sich stufenweise skalieren.
Das zeigt sich besonders deutlich bei der 120-mm-Mörsermunition: Bei niedrigeren Stückzahlen genügt eine kompakte Konfiguration mit einer VT 4- und einer VL 8-Maschine, die über ein Trackmotion-Automationssystem verbunden sind. Bei einem Bedarf auf Großserienniveau (250.000 Stück und mehr pro Jahr) wächst die Linie auf vier Maschinen (zwei VT 4 und zwei VL 8) mit vollautomatisierter Verkettung über Trackmotion und automatischer Teilezuführung über Roboterzellen. Weitere Maschinen können jederzeit ergänzt werden, um die Kapazität weiter zu erhöhen.
Die projektierte Kapazität für das 155-mm-Artilleriegeschoss liegt bei vielen Projekten bei 100.000 bis 150.000 Stück pro Jahr im Zweischichtbetrieb (250 Arbeitstage, sieben Stunden pro Schicht). Die Linie umfasst in dieser Konfiguration 24 Maschinen: acht für die Schruppbearbeitung und 16 für die Schlichtbearbeitung. Auch hier ist eine Hochskalierung durch zusätzliche Maschinen oder den Übergang auf einen Dreischichtbetrieb möglich.
Text: Redaktion / af
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