General a. D. Mais: 800.000 Soldatinnen und Soldaten für Deutschland?

Braucht die „konventionell stärkste Armee Europas“ bis zu 800.000 Soldatinnen und Soldaten? Generalleutnant a. D. Alfons Mais behauptet: Ja. Im gestern erschienenen Podcast „Friedensreiter“ erklärte er, wie er auf diese Zahl kommt. Stößt der ehemalige Inspekteur des Heeres damit womöglich eine Debatte neu an, die gerade erst abgeschlossen schien?

Der ehemalige Inspekteur des Heeres, Generalleutnant a. D. Alfons Mais – Archivbild.
Der ehemalige Inspekteur des Heeres, Generalleutnant a. D. Alfons Mais – Archivbild.

Die politisch kommunizierte Zielgröße von 460.000 Soldatinnen und Soldaten für die Bundeswehr steht seit Kurzem in der Kritik. Vor zwei Wochen hatte Peter Tauber, ehemaliger Staatssekretär im Verteidigungsministerium, ebenfalls im Podcast „Friedensreiter“ unmissverständlich formuliert: „Die Zahl ist eine politische Zahl. Es ist keine Zahl, die sich aus militärischer Notwendigkeit ableitet.“

Gestern legte Alfons Mais – von 2020 bis 2025 Inspekteur des Heeres – nach und lieferte gegenüber Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld, Podcast-Host und Studienbeauftragter für Konfliktforschung und christliche Friedensethik, eine konkrete Herleitung, wie eine realistischere Zahl aussehen könnte.

Mais selbst zweifelte bereits an der Herkunft der 460.000: „Ich habe noch einmal versucht nachzuvollziehen, wann diese Zahl das erste Mal genannt worden ist. Ich habe als eine Quelle gefunden: den Generalinspekteur im Oktober 2024, in einem CPM-Interview.“ Eine belastbare militärische Ableitung, so seine Botschaft, sei damals nicht zu erkennen gewesen.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius habe sich immer sehr zurückhaltend geäußert, erinnert sich Mais. Pistorius sprach stets von „mindestens“ im Zusammenhang mit der Zahl 460.000. Für andere – auch die Medien – sei sie jedoch fix, ein ernstzunehmender Orientierungspunkt. Viel mehr wurde spekuliert, dass die Bundeswehr nicht einmal diese Anzahl in naher Zukunft erreichen könnte.

„Mass matters“ – die wichtigste Lektion aus der Ukraine

Neben allen technischen Erkenntnissen, die aus dem Ukraine-Krieg gezogen werden können, sei die wichtigste die Rückkehr des Begriffs Masse. „Mass matters“, sagte Mais im Podcast. Für die Bundeswehr bedeute das eine nüchterne rechnerische Übung. Keine strategische Vision, sondern schlichte Mathematik.

Bis zu 800.000 Soldaten würde die Bundeswehr benötigen, erklärte Generalleutnant a. D. Alfons Mais in einem Podcast.
Bis zu 800.000 Soldaten würde die Bundeswehr benötigen, erklärte Generalleutnant a. D. Alfons Mais in einem Podcast.
Foto: Bundeswehr / Sebastian Wilke

„Wir haben zwei Strömungen, aus denen wir unsere Stärke bestimmen können“, erklärte General Mais. „Das eine sind die NATO-Planungsziele, die uns vorgegeben sind, und das andere ist der berühmte Operationsplan Deutschland.“

Es handelt es sich demnach um jene Kräfte, die beispielsweise an die Ostflanke verlegen, um dort einen angreifenden Feind zu bekämpfen, und jene, die in Deutschland den Host-Nation-Support-Verpflichtungen nachkommen.

„Wir haben das im Heer sehr dezidiert abgeleitet“, berichtete General Mais, „und die ganze Kunst dabei ist die Anwendung von Grundrechenarten. Das ist total einfach.“

Das Ergebnis dieser Rechnung ist, was Mais bereits in einem im September 2025 geleakten Brief an den Generalinspekteur dokumentiert hatte: „Wir haben klar abgeleitet, dass das Heer 100.000 zusätzliche aktive Soldaten und 200.000 Reservisten zusätzlich braucht, um diese Aufträge erfüllen zu können.“

Zum Vergleich: Das Heer zählt derzeit rund 64.000 aktive Soldaten und je nach Rechnung 16.000 Reservisten (beorderte Reservisten, Heimatschutz etc.). Allein der Bedarf des Heeres würde für die Bundeswehr rechnerisch bereits 380.000 Soldatinnen und Soldaten bedeuten „Damit“, führt der ehemalige Heeresinspekteur aus, „wären wir alleine schon mit den Zahlen des Heeres an die 460.000 rangerutscht. Und ich bin sicher, dass die anderen Inspekteure ähnliche Überlegungen gemacht haben.“

700.000 bis 800.000 – die Zahl, die niemand nennen will

Was folgt, wenn man alle Teilstreitkräfte und ihren jeweiligen Bedarf zusammenrechnet, formulierte Mais direkt im Anschluss: „Ich bin absolut sicher, dass die Zahl irgendwo bei 700 – 800.000 liegt. Dann muss man sich darüber unterhalten, wie viel davon sind aktiv und wie viel davon müssen aus der Reserve kommen.“ Die seit Monaten öffentlich immer wieder genannten 460.000 könne er sich jedenfalls nicht erklären.

Handschlag nach der Kommandoübergabe über das Deutsche Heer: (v.l.) der neue Inspekteur, Generalleutnant Freuding, Minister Pistorius, der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Breuer, und der scheidende Inspekteur, Generalleutnant Mais.
Handschlag nach der Kommandoübergabe über das Deutsche Heer: (v.l.) der neue Inspekteur, Generalleutnant Freuding, Minister Pistorius, der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Breuer, und der scheidende Inspekteur, Generalleutnant Mais.
Foto: Bundeswehr / Maximilian Schulz

Damit stellt sich unweigerlich die Frage nach der Wehrpflicht – auch wenn die aktuelle Bundesregierung diese offiziell nicht anstrebt. Mais kritisiert in diesem Zusammenhang fehlende strategische Klarheit: Die sogenannte „drei Alpha“ der Regierung – die eigene Absicht, das Wozu und Warum hinter politischen Entscheidungen – sei nicht erkennbar.

Ich glaube, dass es keine besseren Verteidiger dieses Staates gibt als die Bürger dieses Staates.
– GenLt a. D. Alfons Mais

Man kommuniziere, Freiwilligkeit würde beim personellen Aufwuchs der Bundeswehr ausreichen, arbeite im Hintergrund aber de facto an Modellen, die eine Wiedereinführung der Wehrpflicht bedeuten. Mais selbst ließ keinen Zweifel daran, wo er persönlich steht: „Ich glaube, dass es keine besseren Verteidiger dieses Staates gibt als die Bürger dieses Staates. Und dass jeder hier in irgendeiner Form einen Beitrag leisten sollte, um diesen Staat besser zu machen, am Laufen zu halten und ihn zu verteidigen.“

Führung als erlebtes Handwerk

Abseits der Zahlen, die in den kommenden Tagen auch im politischen Berlin wieder diskutiert werden dürften, nahm Mais im Podcast auch eine Entwicklung ins Visier, die ihn als früheren Inspekteur des Heeres besorgt: der schwindende Anteil echter Führungserfahrung im Offizierskorps.

Militärische Führung im Einsatz
Militärische Führung im Einsatz
Foto: Bundeswehr / Marc Tessensohn

Mit weniger Soldaten insgesamt seien die Verhältnisse zwischen Führungspersonal und geführten Soldaten aus dem Gleichgewicht geraten. Das habe Folgen für Ausbildung und Fähigkeiten. „Was mir aufgefallen ist“, so General Mais, „ist, dass im Offizierskorps die Erfahrung in Führungsverantwortung abgenommen hat.“

Die Anzahl der Führer sei im Prinzip gleichgeblieben und die Anzahl der zu Führenden sei immer geringer geworden. Dies führe laut Mais dazu, dass nicht mehr jeder Leutnant oder Oberleutnant, der von der Uni kommt, Zugführer werden könne.“

Die Konsequenz sei in manchen Fällen ein Rotationsprinzip, bei dem sich mehrere junge Offiziere eine Führungsposition teilen und dabei alle zu kurz kämen: „Führen ist nichts Theoretisches, das muss man erlebt haben“ weiß Generalleutnant a. D. Mais. „Man muss den Stress, den das bedeutet, die Verantwortung, die da auf einem lastet, die Fehler, die man dabei macht und machen muss – das muss man einfach erlebt haben, um zu einer stabilen Führungspersönlichkeit zu werden.“

Es ist eine Beobachtung, die den Bogen zurück zum Kern seiner Botschaft der bis zu 800.000 Soldatinnen und Soldaten schlägt: Die Bundeswehr muss größer werden – und zwar deutlich. Doch neben neuen Rekrutinnen und Rekruten in der Truppe werden auch bestehende Offiziere das militärische Führen wieder „neu“ lernen müssen.

Schauen Sie sich hier die aktuelle Folge des Podcasts „Friedensreiter“ mit Generalleutnant a. D. Alfons Mais an:

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