Der russisch-ukrainische Krieg ist der erste Konflikt, in dem Drohnen entlang der gesamten Frontlinie zur Hauptwaffe geworden sind. Beide Seiten setzen sie in großer Zahl ein. Der folgende Gastbeitrag von Sergej Sumlenny, Generaldirektor des in der Ukraine ansässigen Drohnenherstellers United Unmanned Systems, zeigt die aktuellen Entwicklungen in seinem Land auf. Der Artikel erschien zuerst im CPM Forum 6/2025.
In der Ukraine hat sich die Jahresproduktion von rund einer Million im Jahr 2024 auf über drei Millionen 2025 erhöht, in Russland auf ein ähnliches Niveau. Damit hat sich der Charakter der Gefechte grundlegend verändert: Beobachtung, Aufklärung und Angriff erfolgen zunehmend aus der Luft durch kleine, kostengünstige Systeme.
Die technische Entwicklung verlief schnell. Aus handelsüblichen Zivilmodellen entstanden spezialisierte militärische Varianten: Kamikaze-, Bomber-, Transport-, Abfang-, Langstrecken- und Seedrohnen. Dieser Text konzentriert sich auf FPV-Drohnen (First-Person-View), die in Echtzeit manuell gesteuert werden und eine zentrale Rolle auf taktischer Ebene spielen.
FPV-Drohne: ein improvisierter Game Changer
Der breite Einsatz von FPV-Drohnen entfaltete sich vollständig im Winter 2023/24. Auslöser war der Mangel an 155-Millimeter-Geschossen bei der Armee der Ukraine infolge des zeitweiligen Lieferstopps aus den USA. In dieser Phase, etwa während der Verteidigung von Awdijiwka, wurden FPV-Drohnen erstmals zur Hauptwaffe der Truppen.
Was ursprünglich aus Versorgungsnot entstand, entwickelte sich rasch zu einem zentralen Element der Kriegsführung auf taktischer und operativer Ebene. Mehrere ukrainische Brigaden formierten daraufhin ihre Artillerieaufklärungsabteilungen, die bereits Erfahrung mit Drohnen hatten, zu eigenständigen Strikedrohnen-Kompanien oder sogar -Bataillonen um. Am 6. Februar 2024 wurde mit dem Unmanned Systems Corps eine eigenständige Truppengattung geschaffen. In der Folge entstanden erste spezialisierte Drohnenbataillone und -regimenter, darunter das 429. Achilles (zuvor das Drohnenbataillon der 92. Mechanisierten Brigade) und das 412. Nemesis sowie eine separate 20. Drohnenbrigade der Ukraine.
Der massenhafte Einsatz von Drohnen ermöglichte gleichzeitig die Erfüllung mehrerer Bedürfnisse: eine maximal detaillierte Beobachtung des Gefechtsfeldes in Echtzeit und die sofortige Durchführung präziser Schläge, alles unter direkter Kontrolle der Kommandeure auf unterster Ebene.
Der Begriff „Killzone“, den ukrainische Soldaten häufig verwenden, beschreibt diese neue Realität an der Front am treffendsten. Gemeint ist ein etwa 25 bis 30 Kilometer breiter Streifen entlang der Frontlinie zwischen Russland und der Ukraine, in dem für beide Seiten ein nahezu garantiertes Vernichtungsrisiko besteht. Jede sichtbare Bewegung wird innerhalb von Minuten durch Drohnen aufgeklärt und bekämpft. Nach aktuellen ukrainischen Schätzungen entfallen inzwischen rund 70 Prozent der russischen Verluste entlang der Frontlinie auf Drohnenangriffe. Betroffen sind Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Lkw, Pick-ups, Motorräder, Infanterie und verschiedenste Geräte.
Praktische Konsequenzen des Drohnenkrieges
Der breite Einsatz von FPV-Drohnen hat mehrere praktische Auswirkungen auf Gefechtsführung und Organisation. Erstens wird Feuerkraft auf untere Führungsebenen verlagert: Gruppe, Zug und Kompanie verfügen heute über unmittelbare Schlagmöglichkeiten, die früher Bataillons- oder höherer Ebene vorbehalten waren. Typische Kamikaze-FPV-Drohnen tragen eine RPG-7-Panzerabwehrgranate und erzielen wirkungsvolle Treffer auf Distanzen bis zu 20 Kilometer, mit einem Repeater in der Luft (z.B. eine große Transportdrohne oder eine flugzeugartige Drohne) bis zu 50 Kilometer. Gut trainierte Einheiten der Ukraine erzielen in bis zu 70 % von Flügen einen Treffer. Bomberdrohnen können improvisierte Sprengladungen oder 82-mm-Mörsergranaten mit einer Präzision unter einem Meter abwerfen; schwere Träger, etwa die als „Vampir” (russ.: „Baba Jaga“) bekannten Typen, transportieren sogar 120-mm-Mörsergranaten, Artilleriegeschosse oder TM-62-Minen. Dadurch entstehen Wirkungen, die früher nur durch Artillerie erzeugt wurden, nun aber in der Hand von Zug- und Kompaniekommandeuren liegen.
Zweitens erhöht sich das Tempo der Wirkung: Dauerhafte, rund-um-die-Uhr-Beobachtung kombiniert mit kurzen Reaktionszeiten reduziert die Lücke zwischen Entdeckung und Schlag auf Minuten. Wo früher die Anforderung an Artilleriekoordinierung Verzögerungen erzeugte, werden Angriffe heute unmittelbar ausgelöst.
Drittens verändert sich die Art der Bewegung: Truppen operieren häufiger in kleinen, verstreuten Gruppen und setzen auf schnelle, improvisierte Fahrzeuge, sogar Motorräder oder offenen Buggys: Mobilität und Wendigkeit gewinnen an Bedeutung gegenüber Panzerung. Parallel erhalten gepanzerte Großgeräte deutlich stärkeren Schutz: mehrschichtige physische Barrieren (Gitter, sogenannte „Besen“, zusätzliche Panzerplatten) kombiniert mit elektronischen Gegenmaßnahmen. Da solche Aufbauten die Mobilität erheblich einschränken, werden diese stark improvisiert gepanzerten Fahrzeuge zunehmend als mobile Plattformen für elektronische Kriegsführung und Störanlagen genutzt, um die Steuerfunktionen feindlicher Drohnen zu unterbinden.
Viertens und fünftens werden Logistik und räumliche Ordnung des Gefechtsfeldes grundlegend beeinflusst. Konventionelle Transportkolonnen sind stark gefährdet, wie der Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine bewies. Klassische Taktiken des urbanen Kampfes – etwa das Vorrücken unter Deckung eines Panzers – funktionieren nicht mehr zuverlässig, da Drohnen solche Soldatengruppen schnell aufklären und aus der Luft gezielt bekämpfen können.
Auch Unterstände und andere Feldbefestigungen müssen neu gedacht werden, weil sie aus der Luft leicht auszuspähen und anzugreifen sind. Nachschubbewegungen und Truppenrotationen finden überwiegend nachts statt, und die durchgehende, statische Frontlinie löst sich zunehmend auf: Einheiten operieren flexibler, einzelne Gruppen können über längere Zeit hinter feindlichen Linien bestehen. Transportdrohnen stellen nur eine teilweise Lösung für Nachschubfragen dar, da ihre Kapazität begrenzt und ihre Verwundbarkeit hoch ist. Ein praktisches Beispiel für neue Möglichkeiten: Im Sommer 2025 wurde ein Sanitäter des 1. Korps Azov der Nationalgarde für eine Rettungsaktion ausgezeichnet, bei der Blutkonserven per Drohne an einen verwundeten Kameraden unter feindlichem Feuer geliefert wurden – ein Hinweis darauf, dass medizinische Logistik zunehmend zum Aufgabenfeld unbemannter Systeme gehört.
Einschränkungen des Drohneneinsatzes
Selbstverständlich haben Drohnen – wie jede andere Waffe – praktische Grenzen. Diese liegen vorrangig in Reichweite und Steuerbarkeit: Batteriekapazität (Flugdauer) und Funkreichweite (Radiohorizont) begrenzen Einsatzdauer und Distanz. Sowohl Russland als auch die Ukraine setzen in diesem Krieg elektronische Kriegsführung massiv ein, vor allem zur Bekämpfung von Drohnen. Kaum ein Fahrzeug operiert ohne EW-Ausstattung (electronic warfare), mobile Störgeräte werden sogar von einzelnen Soldaten getragen, und nicht selten übersteigen die Kosten für die EW-Komponenten die des Fahrzeugs selbst. Stationäre EW-Anlagen führen dazu, dass ganze Gebiete für bestimmte Frequenzen „radiotot“ werden; die Folge ist, dass die Fernsteuerung vieler Drohnen zeitweise unmöglich ist.
Als Gegenkonzepte dienen frequenzsprungfähige Funksysteme der Drohnen und vor allem glasfasergebundene Drohnen. Letztere umgehen Funkstörungen, sind aber keine perfekte Alternative: Zusatzgewicht, geringere Mobilität, niedrigere Geschwindigkeit und Flughöhe, höhere Anschaffungs- und Betriebskosten sowie erhöhter Schulungsbedarf begrenzen ihren Nutzen. Logistik, schutzwürdige Start- und Landezonen sowie Personalqualifikation bleiben einschränkende Faktoren – für glasfaser- wie für funkgesteuerte Systeme gleichermaßen.
Kampf unter Drohnen selbst nimmt deutlich zu: Vermehrt kommen spezialisierte Flugabwehrdrohnen zum Einsatz, die sich durch höhere Geschwindigkeit und größere Einsatzhöhen auszeichnen und primär dazu bestimmt sind, feindliche Aufklärungs- und Kampfdrohnen zu stellen. Damit durchläuft der Drohnenkrieg eine Entwicklung, die an die Luftkriegsentwicklung des Ersten Weltkriegs erinnert: von reiner Aufklärung über bombardierende Typen hin zu spezialisierten Abfang- und Jagdplattformen. In der Praxis führt das zu einem zunehmend geschichteten Luftkampfraum, in dem Schichten aus Aufklärungs-, Bomber- und Abfangsystemen sowie elektronische Gegenmaßnahmen parallel operieren.
Oft gepriesene Künstliche Intelligenz (KI) spielt im Drohnenkampf bislang kaum eine Rolle. Technisch wären zwar Live-Übertragungen aller Flugparameter und anschließende Machine-Learning-Auswertungen denkbar; praktisch und militärisch scheitert das Vorhaben jedoch an grundsätzlichen Problemen. Aus der Luft lässt sich im Gefecht häufig nicht zuverlässig zwischen Freund und Feind unterscheiden: Soldaten tragen ähnliche Uniformen, nutzen dieselben Waffen, Fahrzeuge gleichen sich häufig, und Erkennungsmarken wären leicht vom Gegner zu erbeuten oder nachzuahmen.
Eine robuste IFF-Lösung wie im klassischen Luftkrieg ist daher nicht praktikabel. Automatisierte Steuerungsfunktionen werden allenfalls in den letzten Dutzend Metern eingesetzt, meist gegen große, wenig bewegliche Ziele, um beim Anflug EW zu umgehen. Das sind aber keine KI-Entscheidungen im engen Sinn, sondern bewährte automatische Steuerungsalgorithmen, wie sie in verschiedenen Formen bereits seit den 1960er bekannt sind.
Lehren aus dem Verteidigungskampf der Ukraine
Der Drohnenkrieg wird uns dauerhaft begleiten. Drohnen dürfen nicht als „billige Notwaffe“ weniger vermögender Armeen abgetan werden; sie sind eine neue Waffengattung, die die Kriegsführung so grundlegend verändert wie automatische Schusswaffen, Schnellfeuerartillerie oder die Luftwaffe zuvor. Je schneller Drohnenpiloten integraler Bestandteil von NATO-Bataillonen werden und Truppen die kombinierte Gefechtsführung mit unbemannten Systemen routiniert üben, desto größer ist die Chance, die eigenen Kräfte wirksam zu schützen und die neuen Fähigkeiten verantwortungsvoll einzusetzen.
Autor: Sergej Sumlenny, Generaldirektor, United Unmanned Systems
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