Snigel Design: Wie ein schwedischer Fallschirmjäger die Bundeswehr ausrüstet

In einem Industriegebiet am südlichen Stadtrand von Stockholm entwickelt Snigel Design Tragesysteme und taktische Ausrüstung für Spezialeinheiten und reguläre Streitkräfte. Was 1990 als Ein-Mann-Betrieb begann, ist heute ein professioneller Hersteller mit 40 Mitarbeitern – und Lieferant der Bundeswehr. Ein Besuch bei Snigel-Geschäftsführerin Malin Hlawatsch Plaude und Gründer Per-Henrik „PH“ Magnusson.

Als der schwedische Heereschef Jonny Lindfors mehr als 30 Heereschefs aus Europa, den Vereinigten Staaten und Afrika in Kiruna empfing, um über die strategische Bedeutung des hohen Nordens zu diskutieren, brachte er vier Unternehmen mit, die Schwedens Spitzenkompetenz im Bereich der arktischen Kampfumgebung unter Beweis stellen: Saab, BAE Systems Bofors, BAE Systems Hägglunds – und Snigel.
Als der schwedische Heereschef Jonny Lindfors mehr als 30 Heereschefs aus Europa, den Vereinigten Staaten und Afrika in Kiruna empfing, um über die strategische Bedeutung des hohen Nordens zu diskutieren, brachte er vier Unternehmen mit, die Schwedens Spitzenkompetenz im Bereich der arktischen Kampfumgebung unter Beweis stellen: Saab, BAE Systems Bofors, BAE Systems Hägglunds – und Snigel.
Foto: Snigel

PH Magnusson sitzt in der Entwicklungsabteilung von Snigel und deutet auf einen selbst genähten Rucksack an der Wand. Camouflage, verschlissene Nähte, Jahrzehnte alt. „Den habe ich 1982 einem meiner vorgesetzten Offiziere verkauft“, erzählt der 62-Jährige. „Bei unserem -jährigen Jubiläum kam er damit an und sagte: Magnusson, den habe ich von dir gekauft.“ Magnusson lacht. „Ich habe ihm einen neuen gegeben und den alten zurückbekommen. 40 Jahre im Einsatz – das ist Qualität.“

Es ist diese Mischung aus Leidenschaft für Details, militärischem Hintergrund und unbedingtem Qualitätsanspruch, die Snigel prägt. Das schwedische Unternehmen entwickelt frei verkäufliche Tragesysteme, Schutzausrüstung und taktische Bekleidung – für Soldaten, Polizisten und Sicherheitsdienste, die sich auf ihre Ausrüstung verlassen müssen.

Von der Leidenschaft zum Geschäft

Die offizielle Geschichte von Snigel beginnt in den 1990, als Magnusson seine Ausbildung als Industriedesigner abgeschlossen hatte. Seine Abschlussarbeit: ein Rucksack für die schwedische Materialbeschaffungsbehörde FMV und eine Gore-Tex-Jacke. Doch die Firma bleibt klein, ein Nebengeschäft.

Gründer Per-Henrik „PH“ Magnusson mit einem selbst genähten Rucksack in den schwedischen Bergen.
Gründer Per-Henrik „PH“ Magnusson mit einem selbst genähten Rucksack in den schwedischen Bergen.
Foto: Snigel

„Ich wollte immer Ausrüstung für mich selbst machen“, erklärt der Snigel-Gründer. „Als Fallschirmjäger hatte ich genaue Vorstellungen, wie Dinge funktionieren sollten.“

Magnusson arbeitete 15 Jahre als Designer bei Snickers Workwear, einem schwedischen Hersteller von Arbeitskleidung. Sein Chef dort tickte ähnlich wie PH Magnusson: „Er erlaubte mir, nebenbei Snigel weiterzuführen.“ Tagsüber entwarf er Arbeitskleidung für Maler und Tischler, abends und am Wochenende nähte er Rucksäcke und Schutzwesten.

„Ich habe 350 Rucksäcke selbst genäht“, erklärt Magnusson. „Meinen ersten mit 13 Jahren.“ Die Leidenschaft wurde zum Geschäft – aber Geld verdienen stand lange nicht im Vordergrund. „Wir haben über die Jahre 3.400 verschiedene Produkte entwickelt – keine Größen- oder Farbvariationen, sondern wirklich unterschiedliche Designs“, erklärt er stolz. Davon hat PH etwa 2.500 selbst entworfen. Das zeigt die Innovationskraft, den der Gründer seinem Unternehmen mit auf den Weg gegeben hat.

Der Wendepunkt: Die Bundeswehr-Ausschreibung

Jahrzehntelang war Snigel ein Nischenunternehmen. Magnusson entwickelte Ausrüstung für schwedische Spezialeinheiten – oft in enger Zusammenarbeit mit den Einheiten selbst. „Ich war Zugführer“, erzählt er. „Ich war Zugführer. Die Armee erlaubte uns, mit der Ausrüstung zu machen, was wir wollten – inoffiziell. Die Hälfte der Übungszeit verbrachten wir also damit, Ausrüstung zu testen und zu verbessern.“

Ballistische Westen für die schwedische Anti-Terror-Einheit, Kampfwesten für KFOR-Einsätze im Kosovo, Gürtel für die schwedische Polizei – alles entstand in enger Abstimmung mit den Endnutzern.

Snigel-Geschäftsführerin Malin Hlawatsch führt durch die aktuelle Kollektion.
Snigel-Geschäftsführerin Malin Hlawatsch führt durch die aktuelle Kollektion.
Foto: Snigel

2020 kam der Durchbruch: Snigel gewann die Ausschreibung für den neuen Bundeswehr-Rucksack. „Das war ein Game Changer“, bestätigt CEO Malin Hlawatsch Plaude, die 2023 zu Snigel kam. „Der Gewinn aus diesem Auftrag war größer als alle Gewinne der vorherigen 30 Jahre zusammen.“ Plötzlich hatte das Unternehmen Kapital, um zu wachsen, Fachkräfte einzustellen und Prozesse zu professionalisieren.

„Wir hatten nicht einmal Artikelnummern“, erzählt Magnusson über die Zeit vor dem Auftrag über 250.000 Rucksäcke für die deutschen Streitkräfte. „Es ging nur darum, das beste Produkt zu machen.“ Nach der Bundeswehr-Ausschreibung änderte sich das. Snigel stellte Spezialisten ein, führte ISO-Zertifizierungen durch, baute Compliance-Strukturen auf. 2024 erwarb die Private-Equity-Firma iEquity Anteile am Unternehmen – ein weiterer Schritt zur Professionalisierung.

„Letztes Jahr hatten wir das beste Jahr in der Firmengeschichte“, sagt Hlawatsch Plaude. „Mehr Gewinn als in allen Jahren zuvor zusammen.“ Heute beschäftigt Snigel 45 Mitarbeiter. Besonders bemerkenswert: 40 Prozent davon haben einen militärischen Hintergrund oder sind noch aktiv in den schwedischen Streitkräften. „Das ist entscheidend, um relevant zu bleiben“, betont Hlawatsch Plaude. „Man muss verstehen, was Soldaten wirklich brauchen – nicht was man sich im Büro ausdenkt.“

Blick in die Designschmiede

In der R&D-Abteilung bei Stockholm arbeiten Designer an neuen Tragesystemen. Stoffmuster liegen auf Tischen, Prototypen liegen in Regalen und Erfolge hängen an den Wänden. Henrik, Produktspezialist, zeigt einen unscheinbaren Sack aus robustem Material. „Das ist der Hypothermal Bag“, erklärt er. „Entwickelt, um Leben zu retten.“

In der Entwicklung bei Snigel in Stockholm hängen einstige Erfolge an der Wand.
In der Entwicklung bei Snigel in Stockholm hängen einstige Erfolge an der Wand.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Die Idee entstand bei einer Sanitäts-Übung, als PH zu sah, wie Verwundete in Alufolie gewickelt wurden, das mit Klebeband zusammengehalten wurde. Das müsse besser gehen dachte der Snigel-Gründer.

Der Hypothermal Bag kombiniert einen Schlafsack mit einer verstärkten Trage. Acht Tragegriffe an den Seiten, verstärkte Rückseite, drei verschiedene Zugänge zu Kopf, Oberkörper und Beinen. „Man kann einen voll ausgerüsteten Soldaten mit Helm, Waffe und Ausrüstung transportieren, ohne ihn auszuziehen“, erklärt Henrik. „Bis 160 Kilo getestet.“

Etwa 4.000 Stück wurden bereits in die Ukraine geliefert. Dort sollen sie sehr begehrt sein, heißt es bei Snigel. Auch könne man die Erfahrung aus dem echten Einsatz gut gebrauchen. „Die erste Generation riss an den Griffen ein“, erzählt Henrik. „Wir haben sie verstärkt, mit Polyamid unterlegt und die Nähte verändert. Generation drei hält.“ Feedback aus dem echten Einsatz – unbezahlbar für die Entwicklung.

Auf der jetzt in Nürnberg stattfindenden Enforce Tac (Stand 7A-730) zeigt Snigel neben dem Hypothermal Bag weitere Produkte. Allen voran natürlich modulare Rucksäcke, bei denen Seitentaschen und Deckel abnehmbar sind und als eigenständige Taschen genutzt werden können. Henrik und zerlegt einen Rucksack in seine Einzelteile. „Oben der Deckel – wird zur Hüfttasche. Seitentaschen – werden zur Umhängetasche oder zusammen zum Rucksack.“

Alles kann mit Hermabuckles verbunden werden – geschlechtsneutrale Schnallen, die immer passen. „Bei normalen Schnallen hat man am Ende immer männlich-männlich oder weiblich-weiblich und kann nichts verbinden“, erklärt Henrik.

De Hypothermal Bag im Test bei den schwedischen Streitkräften.
De Hypothermal Bag im Test bei den schwedischen Streitkräften.
Foto: Snigel

Ein Detail fällt erst auf den zweiten Blick auf: An jedem Reißverschluss ist beidseitig eine Plastikführung angenäht. „Damit der Reißverschluss nicht im Stoff stecken bleibt“, erklärt Henrik. „Man muss alles mit einer Hand öffnen können.“ Kleine Details, die im Einsatz den Unterschied machen.

Europäische Lieferketten und eigene Produktion

Snigel produziert flexibel – teils in Asien, teils in Europa. Ende 2024 übernahm das Unternehmen die lettische Produktionsstätte, mit der es seit 20 Jahren zusammenarbeitet. Damit wird aus der einstigen Designschmiede tatsächlich ein Produzent.

Die europäische Produktion sei strategisch wichtig. „Manche Kunden wollen aus bestimmten Ländern beschaffen“, erklärt Hlawatsch Plaude. „Außerdem können wir schneller reagieren und Prototypen fertigen.“ Die Hauptmärkte sind Schweden, Deutschland und die Niederlande. „In Schweden ist es üblich, dass Soldaten ihre dienstlich gelieferte Ausrüstung selbst ergänzen“, sagt Hlawatsch Plaude.

Das Unternehmen ist aber auch in Deutschland auf dem Retailmarkt vertreten. Ein eigener Online-Shop in Deutschland sei für die nahe Zukunft geplant, verrät Snigel.

Snigel ist heute noch vorrangig Design.
Snigel ist heute noch vorrangig Design.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Das Unternehmen liefert aber auch offiziell an die schwedischen Streitkräfte. „Fast alle Tragesysteme der schwedischen Armee wurden von uns entworfen“, sagt Hlawatsch Plaude. „Nur die ballistischen Westen kommen aus dem Ausland.“ Inzwischen beschafft Schweden aber auch direkt bei Snigel – 2024 große Mengen an Kampfwesten, Taschen und Seesäcken.

Zurück zu den Wurzeln – mit neuem Fokus

Magnusson selbst will sich sehr bald zurückziehen. Durch die Professionalisierung weiß er sein Unternehmen in guten Händen. Er will für Snigel in einem Monat nur noch beratend tätig sein. „Ich möchte zurück zu dem, was ich am Anfang gemacht habe“, erklärt er. „Mit einer kleinen Einheit zusammenarbeiten, alles für sie entwickeln – wie früher mit meinem Zug.“

Sein Ziel: die schwedische Küstenjägerkompanie. „Die haben gerade ein Problem mit Gewehrriemen, die die Schwimmweste blockieren. Ich habe da eine Lösung entwickelt.“

Battle proven – Produkte von Snigel werden auch in der Ukraine eingesetzt.
Battle proven – Produkte von Snigel werden auch in der Ukraine eingesetzt.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Es ist diese Nähe zum Endnutzer, die Snigel ausmacht. „Wir müssen beides haben“, sagt Hlawatsch. „Die großen Aufträge für die Streitkräfte – und die enge Zusammenarbeit mit Spezialeinheiten, die den Standard setzen.“ Der deutsche Bundeswehr-Rucksack ist inzwischen in die 17. oder 18. Version des ursprünglichen Snigel-Designs. Es ist eine Evolution, es geht weiter. „Wir haben jetzt Leute von Fjällräven und Haglöfs eingestellt“, erzählt Magnusson. Neue Ideen kommen in das Produkt.

Beim Abschied bleibt ein Eindruck: Snigel ist kein gewöhnlicher Rüstungslieferant. Es ist ein Unternehmen, bei dem Leidenschaft für Details, militärische Expertise und Nutzerfeedback zusammenkommen – vom ersten handgenähten Rucksack 1982 bis zum professionellen Lieferanten für europäische Streitkräfte heute.

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