Experimentalserie Land – „Das Labor im Gelände“

Navid LinnemannNavid Linnemann

„Der Erfolg einzelner Systeme hängt davon ab, wie das System in das Netzwerk integriert werden kann“, erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius gestern auf dem Truppenübungsplatz Bergen. Dort testete das Amt für Heeresentwicklung mit der „Experimentalserie Land“ Innovationen aus der Industrie. Neben der Einbindung unbemannter Systeme in bestehende IT-Infrastruktur ging es vor allem um die Frage: Steigert das getestete Produkt die Kampfkraft der Truppe?

Fuhr bei der Experimentalserie Land unbemannt in die Stellung: Das Geländefahrzeug Hermelin von Rheinmetall.
Fuhr bei der Experimentalserie Land unbemannt in die Stellung: Das Geländefahrzeug Hermelin von Rheinmetall.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Ganz langsam, wie die Samen eines Ahornbaums, taumeln Sensoren für die elektronische Kampfführung zu Boden. Sie wurden in bis zu 1.000 Meter Höhe aus einer Drohne abgeworfen. Ein UGV von ARX Robotics und ein ferngesteuertes 6×6 Fahrzeug von Rheinmetall – beide mit fernbedienbarer Waffenstation ausgestattet – fahren etwas versetzt in ihre Stellungen. Sieben FPV-Drohnen steigen gleichzeitig hinter einem Hügel auf, gesteuert von nur einem Soldaten. Weiter hinten wartet Loitering Munition auf die Startfreigabe.

Es herrscht ein reges Treiben auf und über dem regennassen Truppenübungsplatz Bergen nördlich von Hannover. Viel Gerät und Technik. Nur Soldaten sieht man kaum. Unbemannte Systeme stehen im Vordergrund der Experimentalserie Land.

Pistorius, der gemeinsam mit dem Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Dr. Christian Freuding, und dessen Stellvertreter, Generalleutnant Heico Hübner, nach Bergen gekommen war, ließ sich neueste Technologie zeigen, welche die Industrie der Truppe zur Verfügung gestellt hatte. „Das Heer beweist hier einmal mehr“, so Pistorius, „dass es seinem Anspruch als Innovationslabor gerecht werden will.“ Kurz darauf verkündete er, dass man im kommenden Jahr ein erstes Drohnenregiment aufstellen werden (Defence Network berichtete).

Ob das gelingt? Vieles macht Eindruck: Ein mittelgroßer Multicopter fliegt in hoher Geschwindigkeit heran, wirft punktgenau eine grüne Kiste über einem wartenden UGV ab und verschwindet. Auch das unbemannte Bodensystem setzt sich umgehend in Bewegung. Logistik, die weder Handschuhe noch Schutzhelm noch Schweiß erfordert. Gelungene Integration.

Kurz vor Abwurf: fliegende Drohne übergibt an Bodendrohne.
Kurz vor Abwurf: fliegende Drohne übergibt an Bodendrohne.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Doch nicht alle Systeme in Bergen überzeugen so schnell. Eine andere, größere Transportdrohne hebt kurz ab, ist dabei sehr laut und stinkt. Wenige Sekunden später berührt sie erneut den Boden. „Starten und Landen kann sie zumindest“, kommentierte ein Beobachter.

Andere Systeme, wie eine kleine Interceptordrohne, können sogar schnell fliegen. In Richtung einer Zieldrohne geht es zügig los; dann kehrt sie um. Ob der Gefechtskopf mit Splitterwirkung neben der Zieldrohne hätte explodieren sollen oder dies bei einer anderen Gelegenheit getestet werden sollte, blieb unklar.

Das Heer nutzt seit 2022 die „Experimentalserie Land“, um gemeinsam mit Forschern, Entwicklern und der Industrie neue Ideen, Waffen und Komponenten auf deren Kompatibilität mit der Truppe zu testen. Von den rund 680 an den dreiwöchigen Tests teilnehmenden Menschen trug rund die Hälfte Uniform.

„Der Soldat muss direkt mit dem Ingenieur sprechen können“, erklärte Oberst Mario Brux, Projektleiter der Experimentalserie Land im Amt für Heeresentwicklung. Ein Anspruch, der in Bergen in Erfüllung ging.

Beim Testen verfolgt das Heer einen schrittweisen Ansatz: Zunächst werden – ganzjährig – neue Systeme einzeln direkt in der Truppe getestet. Beim Termin in Bergen erfolgt dann die Integration im Rahmen einer taktischen Lage. Hier müssen die Systeme bestehen und einen Mehrwert für die Truppe zeigen.

Innovationen auf dem Prüfstand

Es sind unterschiedliche Systeme – über 40 an der Zahl – die im Rahmen der Experimentalserie Land in diesem Jahr getestet werden. Sensoren für die Drohnenerkennung, Abfangdrohnen, unbemannte Bodenfahrzeuge von der Größe eines Bierkastens bis zum geländegängigen 6×6-Radfahrzeug, im Schwarm eingesetzte FPV-Drohnen bis zu Transportdrohnen wie der Grille.

Zwei unbemannte Flugsysteme unterschiedlicher Baugröße operieren bei diesiger Witterung im Formationsflug über einem Gelände vor einer Waldkulisse. Ein größeres Trägersystem mit Frachtvorrichtung und Kufenlandegestell manövriert dabei im Schwebeflug unterhalb eines kleineren Multikopters.
Video: CPM / Navid Linnemann

Das Amt für Heeresentwicklung will ganzheitliche Erkenntnisse gewinnen, bevor eine eventuelle Einführung in die Truppe angestrebt wird. Beschaffungsvorhaben, denen klassischerweise eine Ausschreibung mit der präzisen Darstellung des Nutzerbedarfs vorausgeht, haben einen entscheidenden Nachteil: Die Bundeswehr kann nur ausschreiben, was sie als Bedarf kennt.

Mit der Experimentalserie Land besteht für die Industrie die Chance, ihre Lösungen vorzustellen, auch wenn die Truppe den Bedarf vielleicht noch gar nicht kennt.

Roboter in der Stellung – ein konkretes Beispiel

Manche Bedarfe sind aus dem soldatischen Alltag mehr als bekannt. Die sich rasant entwickelnde Technologie bietet heute Möglichkeiten, die das Risiko der Truppe massiv senken können.

Unbemanntes Kettenfahrzeug Wolf G1 von Alpha Robotics mit fernbedienbarer Waffenstation und Maschinengewehr auf nassem Untergrund
Das UGV Wolf G1 des Herstellers Alpha Robotics und GDELS ist eines der zahlreichen Systeme, die bei der Experimentalserie Land getestet werden.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Davon machte sich Boris Pistorius ein eigenes Bild. Am Waldrand in Bergen rollte vor den Augen des Ministers ein Wolf-G1 von Alpha Robotics in seine Stellung. Ausgestattet mit Sensorik und der Waffenstation Loki von Valhalla soll das Konzept beispielsweise den Schutz militärischer Infrastruktur übernehmen oder erweitern.

Soldaten steuern gleich mehrere der UGVs aus einem in der Nähe abgestellten geschützten Fahrzeug. Sollten sich Feinde nähern, erfolgt der Erstkontakt über die Wölfe in ihren Stellungen – nicht über die Soldaten im EAGLE. Vorgestellt wurde das Konzept erstmalig auf der diesjährigen Eurosatory (Defence Network berichtete).

Von Autonomie, wie sie zuletzt im russischen Krieg gegen die Ukraine zu beobachten war, ist in Bergen jedoch nicht die Rede. Was hier unbemannt durch die Gegend fährt und fliegt, wird – spätestens bei der Wirkung – von einem menschlichen Bediener freigegeben. Sollte es im Heer irgendwann einmal anders gehandhabt werden, dürfte dies in Deutschland eine ethische Debatte neu befeuern.

Plötzlich surren Drohnen über der Stellung. Sind es eigene oder Feinddarstellung? Eine wichtige Unterscheidung – nicht nur für die taktische Übung. In den vergangenen Jahren kam es zu realen Ausspähversuchen. Das Lagebild, das aufgestellte und vom Himmel gefallene Sensoren liefern, ist mit einem Schlag nicht mehr nur für die Tests wichtig, sondern weit darüber hinaus.

Das Labor im Gelände

„Wir wollen innovative Lösungen schneller als das früher möglich und gewollt war“, fasste Pistorius den Grundgedanken der Experimentalserie Land zusammen. Man wolle Lösungen, die von Beginn an mit und in der Truppe erprobt werden.

Rheinmetall-Geländefahrzeug mit fernbedienbarer Waffenstation bei einer Vorführung mit Bundeswehrsoldaten und Gästen im Freien
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (mitte) und der Heeresinspekteur, Generalleutnant Dr. Christian Freuding (rechts), lassen sich unbemannte Lösungen erklären – hier das Radfahrzeug Hermelin von Rheinmetall, welches auf dem Truppenübungsplatz Bergen unbemannt fuhr.
Foto: CPM / Navid Linnemann

„Um es anders auszudrücken: Es geht um ein Labor im Gelände und genau das findet hier statt“, so der Minister. Vieles in Bergen erinnerte tatsächlich an ein Labor. Es wird ausprobiert, gebastelt und „einfach mal gemacht“. Was am Ende tatsächlich die Kampfkraft der Truppe steigert, wird wohl den wenigsten Beobachtern klar geworden sein. Erst recht nicht, wenn sie innerhalb von zwei Stunden durch die vorbereiteten Stationen geschleust wurden.

Im Amt für Heeresentwicklung dürften die gesammelten Daten und Erkenntnisse jedoch hilfreich sein. Am Rande des gestrigen Tages war schon über das ein oder andere System zu hören, dass man es bald wieder sehen würde.

Eindrücke der Experimentalserie Land

Experimentalserie Land
Verteidigungsminister Boris Pistorius beobachtet mit Bundeswehrsoldaten im Wald ein unbemanntes Landfahrzeug mit WaffenstationWeiße Aufklärungsdrohne mit Tragflächen und Rotoren für Senkrechtstart im Schwebeflug vor einem NadelwaldTransportdrohne mit Frachtbehälter auf nassem Untergrund vor gepanzerten Rheinmetall MAN Military Vehicles der BundeswehrRheinmetall Mehrzweckfahrzeug mit Waffenstation auf einem Übungsplatz, im Hintergrund eine Mercedes-Benz G-Klasse und ein GebäudeBundesverteidigungsminister Boris Pistorius begrüßt bei Regen einen Bundeswehroffizier auf einem Übungsgelände neben MilitärfahrzeugenBundesverteidigungsminister Boris Pistorius und Generalmajor Christian Freuding in Flecktarn-Nässeschutzjacken vor einem TarnnetzBundesverteidigungsminister Boris Pistorius im Gespräch mit Bundeswehrsoldaten während eines Truppenbesuchs bei RegenUnbemanntes Kettenfahrzeug mit fernbedienbarer Waffenstation bei Regen in unwegsamem Gelände vor einer HeidelandschaftUnbemanntes Kettenfahrzeug fährt auf einem unbefestigten Waldweg am Rande einer FreiflächeSchwere Lastendrohne mit Gitterrohrrahmen und Kufenlandegestell auf einem militärischen Erprobungsgelände bei RegenBundeswehr-Soldat in Flecktarn präsentiert ein unbemanntes Kettenfahrzeug von GDELS und Alpha Robotics mit fernbedienbarer Waffenstation1 / 11
Defence Network folgen

Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Die wichtigsten Nachrichten aus Verteidigung und Wehrtechnik — auf Ihrem Kanal.

Aktuelle Meldungenaus Verteidigung & Wehrtechnik
Einordnung mit Substanzvon der Fachredaktion
Kurz & auf den Punktalles Wichtige in Minuten
QR-Code zur Newsletter-Anmeldung
Anmeldeformular wird geladen …

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Verwendete Schlagwörter

Amt für HeeresentwicklungBoris PistoriusBundeswehrDeutsches HeerDivision 2025DrohnenregimentErprobungGeneralleutnant Christian FreudingInspekteurRegimentTestsUnbemannte SystemeUxS