Bis zu 500 Millionen Pfund sollen in die Umwandlung der britischen Spezialkräfte in die „Future Commando Force“ investiert werde. Dazu gehört auch die Beschaffung neuer Hochgeschwindigkeitsboote, die für eine ganz bestimmte Aufgabe hilfreich sein dürften. Drei mögliche Designs kommen als potenzielles Joint Commando Craft (JCC) infrage.
Gestern veröffentlichte das britische Verteidigungsministerium den sehnlichst erwarteten Defence Investment Plan (DIP), der aufgrund des Wechsels an der Spitze in den vergangenen zwei Wochen anders aussieht als vom bisherigen Minister gefordert. (Warsight berichtete). Ein Teil der Ankündigung betrifft 450 bis 500 Millionen Pfund für die Transformation der UK Commando Force zur „Future Commando Force“.
„Unsere Elite-Kommandotruppe wird weltweit respektiert und führt Operationen durch, die dazu beitragen, unsere Nation und unsere Verbündeten zu schützen“, erklärte der frisch ins Amt gekommene Minister Dan Jarvis. Was sehr allgemein klingt, hat konkrete Auswirkungen: Am 14. Juni kaperte das britische Militär einen Öltanker der russischen Schattenflotte im Ärmelkanal.
Briten wollen mehr Schiffe der Schattenflotte entern
Laut einer Londoner Pressemitteilung wolle man künftig „weitere Tanker der russischen Schattenflotte beschlagnahmen“. Um diese und andere maritime Landungsoperationen durchzuführen, sollen die Spezialkräfte mit dem Joint Commando Craft (JCC) neue Boote bekommen.
Eine gute und schützende Ausstattung für das Entern von Tankern der Schattenflotte scheint in Nord- und Ostsee zunehmend an Bedeutung zu gewinnen: Jüngst hatten die Tagesschau und andere deutsche sowie internationale Medien darüber berichtet, dass Russland mittlerweile auch zivile Schiffe mit schweren Maschinengewehren ausrüstet.
Der Begriff JCC ist noch recht neu, das Projekt selbst jedoch nicht. Bis vor Kurzem verfolgte die Royal Navy das Vorhaben als Commando Insertion Craft (CIC), was als Nachfolger des LCVP Mk 5 geplant war. Das LCVP ist ein seit 1996 im Dienst stehenden Landungsboot der Royal Marines, welches 2027 außer Dienst gestellt werden soll.
Diese ursprüngliche Forderung der Royal Marines nach einem neuen schnellen, signaturarmen Landungs- und Einsatzboot sollte beispielsweise Kommandotrupps, leichte Fahrzeuge und Ausrüstung auch aus größerer Entfernung anlanden können.
Kooperation mit Norwegen
Hintergrund des jüngst erfolgten Namenswechsels ist auch die Zusammenführung zweier nationaler Vorhaben: Die Norwegian Defence Materiel Agency (NDMA) und die britische Royal Navy planen seit Jahresanfang die gemeinsame Beschaffung von 30 Booten mit einem Gesamtbudget von rund 237 Millionen Pfund über sieben Jahre.
Norwegen will damit die Fähigkeiten seiner Küstenjäger-Kommandotruppe (Kystjegerkommandoen) im Bereich Aufklärung und Überwachung stärken; die Royal Marines wollen – neben dem Entern von Schiffen der Schattenflotte durch Spezialkräfte –neue Verlegungs- und Einsatzfähigkeit im Küstenbereich erhalten.
Konkretisiert – Die Eckdaten des JCC
Technisch soll das JCC als relativ kleines, aber hochbefähigtes Boot vorgesehen. Während über das CIC relativ wenig über das Anforderungsprofil bekannt wurde, besteht seit der Veröffentlichung des Request for Information (RFI) durch Norwegen ein konkreteres Bild.
So soll das zukünftige britisch-norwegische Landungsboot bis zu 24 Meter lang und 7,5 Meter breit sein. Als maximale Verdrängung werden 60 Tonnen angegeben, wobei das Optimum eher bei 40 Tonnen liegen soll. Transportiert werden sollen bis zu 24 voll ausgerüstete Kommandosoldaten oder leichte Fahrzeuge bzw. sechs Tonnen Nutzlast.
Eine wesentliche Anforderung an die Landungsboote soll in der Fähigkeit liegen, mehrere Tage autonom auf See zu operieren und dabei nicht auf Nachversorgung angewiesen zu sein. Auch soll ein JCC als „Drohnenmutterschiff“ für zusätzliche unbemannte Boote fungieren können.
Diese Fähigkeit spiegelt sich auch in den geplanten JCC-Varianten auf Basis desselben Rumpfes wider: die A-Variante für Aufklärungs- und Überwachungsmissionen (ISR), die B-Variante für den Truppentransport mit bis zu 24 voll ausgerüsteten Soldaten, leichten Fahrzeugen oder bis zu sechs Tonnen Nutzlast sowie die C-Variante als Ausbildungs- und Erprobungsplattform.
Drei Designkandidaten – drei grundverschiedene Ansätze
Auch wenn es bisher keine offiziellen Kandidaten gibt, verfügen mehrere Hersteller über geeignete Konzepte. Einige haben Ihre Ideen für das JCC (bzw. CIC) bereits öffentlich vorgestellt.
BAE Systems – Littoral Strike Craft
Mit dem Littoral Strike Craft (LSC) präsentiert BAE Systems ein vielseitiges Einsatzboot für Operationen im Küstenvorfeld. Das 19,95 Meter lange und 4,3 Meter hohe Boot verbindet lut Anbieter eine hohe Geschwindigkeit, geringe Signatur und modulare Missionsfähigkeit, um Spezialkräfte, Ausrüstung oder Wirkmittel verdeckt über große Distanzen an ihren Einsatzort zu bringen.
Dank eines flexibel nutzbaren Missionsraums kann das LSC für Aufgaben von Aufklärung und Überwachung über Präzisionswirkung bis hin zu Versorgungseinsätzen konfiguriert werden. Das Boot erreicht Geschwindigkeiten von rund 45 Knoten (rund 85 km/h), verfügt über eine autonome Einsatzdauer von mehr als sieben Tagen Reichweiten über 200 Seemeilen.
Das autonome Steuerungssystem Nautomate von BAE Systems soll zudem den vollständig autonomen Betrieb des Bootes selbst sowie die Steuerung zusätzlicher autonomer Systeme ermöglichen.
Leidos – Sea Dagger
Der US-amerikanische, aber in Großbritannien aktive Rüstungskonzern Leidos präsentierte auf der DSEI 2025 sein Sea-Dagger-Konzept, das nach eigenen Angaben als erstes Fahrzeug dieser Größe Geschwindigkeit, Reichweite, Fahrzeugtransport und modulare Missionssysteme in einer Plattform vereint.
Das speziell für – und laut Leidos zusammen mit – Royal Navy und das UK Commando Force entwickelte Design war noch auf die CIC-Forderung der Briten abgestimmt. Nach Herstellerangaben soll es mehr als 40 Knoten erreichen und über eine Reichweite von bis zu 350 Seemeilen verfügen.
Griffon Marine Solutions – Amphibious Insertion Craft
Mit seinem Amphibious Insertion Craft (AIC) verfolgt Griffon Marine Solutions einen anderen Ansatz als die Wettbewerber. Das Konzept basiert auf zwei Aluminium-Katamaranrümpfen, die durch ein nach vorn gerichtetes Luftkissen-System ergänzt werden.
Dadurch soll das Boot auch auf unvorbereiteten, weichen oder sumpfigen Küstenabschnitten „trocken“ anlanden können. Die Konstruktion ist auf schnelle Anlandungsmissionen von Spezialkräften in Küsten- und Flussmündungsgebieten ausgelegt und kombiniert nach Angaben von Griffon Marine Solutions hohe Manövrierfähigkeit mit geringer visueller Signatur.
Informationen über mögliche Dimensionen und Geschwindigkeiten des Bootes sind nicht bekannt, eine Zeichnung verrät jedoch die Absicht, bis zu 58 Soldaten plus leichte Ausrüstung auf zwei Decks unterzubringen.
Das Unternehmen bringt viel Erfahrung in dem Segment mit: Griffon war vor wenigen Jahren auch für die Modernisierung des Commando Raiding Craft (CRC) verantwortlich.
DIP für Commandos – Drohnen, USVs und neue Transportschiffe
Neben den neuen Booten sieht der überarbeitete Investitionsplan weitere Schwerpunkte für die Commando Force vor. Knapp 100 Millionen Pfund sind für sogenannte transformative Technologien eingeplant, darunter unbemannte Wasserfahrzeuge, Kommunikationstechnik sowie vernetzte Zielerfassung.
Hinzu kommen laut Ministerium Investition in neue, größere amphibische Transportschiffe, mit denen Großbritannien gemeinsam mit den Niederlanden eine neue, gemeinsame Flotte aufbauen will – nachdem frühere, deutlich ambitioniertere Pläne für sogenannte Multi-Role Strike Ships zurückgestuft wurden. Auch diese Investitionen sollen dem Einsatz von Spezialkräften dienlich sein.
Verteidigungsminister Jarvis fasste das Ziel so zusammen: „Der Defence Investment Plan wird Prioritäten setzen, modernste Ausrüstung in die Hände unserer Frontkräfte zu bringen, damit sie ihre wichtige Arbeit in einer zunehmend gefährlichen Welt fortsetzen können.“
Durch die Erhöhung des DIP um 15 Milliarden britischen Pfund stehen dem britischen Verteidigungsministerium bis 2030 jetzt 298 Milliarden GBP zur Verfügung. Der Zeitplan des JCC sieht Prototypen bis 2028 vor, gefolgt von Tests und anschließender Serienproduktion.
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