Ankara verkauft russische S-400 – Ist der Weg jetzt frei für F-35 aus den USA?

Die Türkei und die USA stehen möglicherweise vor einer sicherheits- und rüstungspolitischen Wende: türkischen Berichten zufolge verkauft Ankara gerade das russische Flugabwehrsystem S-400 an einen Golfstaat – und damit das größte Hindernis für einen Wiedereintritt in das F-35-Programm. Der Verkauf könnte sich auch für die USA auszahlen.

Russisches S-400 TEL 5P85T2 bei einer Parade in Moskau. Auch die Türkei verfügt über das System.
Russisches S-400 TEL 5P85T2 bei einer Parade in Moskau. Auch die Türkei verfügt über das System.
Foto: wikimedia / Boevaya Mashina

Der als regierungsnah beschriebene Kolumnist Abdulkadir Selvi erklärte vergangenen Freitag in der türkischen Tageszeitung Hürriyet, die Frage laute nicht mehr „Was wird aus den S-400?“, sondern „Was ist aus ihnen geworden?“. Seinen Informationen zufolge seien die russischen Flugabwehrsysteme bereits an einen Drittstaat verkauft, dies sei aber noch nicht offiziell bekannt gegeben worden.

Als mögliche Käufer nannte Selvi die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar. Beide hatten zuletzt iranische Raketenangriffe abwehren müssen. Sinkende Bestände bei Patriot könnten den Kauf eines alternativen Luftverteidigungssystems demnach plausibel erklären. Russland soll trotz Ukraine-Kriegs schneller Abfangraketen nachproduzieren können.

Der Vollzug des Verkaufs ist allerdings keine rein türkische Entscheidung. Wie Hürriyet in einem weiteren Artikel schrieb, bestätigte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow, dass Moskau und Ankara in der Frage der S-400-Systeme in Kontakt stünden. „Das ist ein für Russland äußerst sensibles Thema“, so Peskow.

Der ursprüngliche Kaufvertrag aus dem Jahr 2017 schreibt vor, dass die Türkei die S-400-Systeme ohne ausdrückliche Zustimmung Russlands nicht an Drittstaaten weitergeben darf. Eine zwischenzeitlich angedachte Abgabe an die USA war demnach unrealistisch (auch wenn Russland erklärte, das an die Türkei gelieferte System verfüge nicht über die für die USA interessante Freund-Feind-Kennung der Russen); der ebenfalls angedachte Rückkauf durch Russland selbst, scheint ebenfalls vom Tisch.

S-400 und das Problem für die USA

Das S-400 Triumf ist Russlands modernstes bodengestütztes Flugabwehrsystem. Es wurde ab 1991 von Almas-Antei entwickelt und kann – je nach eingesetztem Lenkflugkörper und abzufangendem Ziel – Bedrohungen bis zu einer Reichweite von 380 Kilometern in Höhen bis zu 30 Kilometern abfangen.

Das System gilt als leistungsfähig und ist in der Lage, Kampfflugzeuge, Drohnen, ballistische Raketen und Marschflugkörper zu bekämpfen. Neben Russland betreiben unter anderem China, Indien, Belarus und Algerien das System. Die Türkei hat es in den Jahren seit 2019 nach eigenen Angaben zwar getestet, jedoch nie in Betrieb genommen.

Ein graues Tarnkappen-Mehrzweckkampfflugzeug vom Typ F-35.
Ein graues Tarnkappen-Mehrzweckkampfflugzeug vom Typ F-35.
Foto: Navid Linnemann

Das Kernproblem: Das S-400-Radar ist darauf ausgelegt, Tarnkappenflugzeuge wie die F-35 aufzuklären und zu verfolgen. Hätte die Türkei die S-400 parallel zu F-35-Jets betrieben, hätten russische Ingenieure über das Radarsystem potenziell Informationen über die Stealth-Signatur des F-35 gewinnen können – ein aus US-Sicht inakzeptables Risiko.

2019 führte dieses Risiko zum Ausschluss Ankaras aus dem F-35-Programm und Sanktionen im Rahmen von CAATSA. Die Entscheidung fiel lediglich fünf Tage nach dem Eintreffen der ersten S-400-Komponenten in Ankara.

Trump öffnet die Tür – ohne sie zu durchschreiten

Beim NATO-Gipfel in Ankara vergangene Woche sendete US-Präsident Donald Trump ein klares politisches Signal. An der Seite von Präsident Erdoğan im Präsidentenpalast sagte Trump: „Wir werden die Sanktionen aufheben. Wir wollen keine Freunde sanktionieren.“

Trump äußerte sich auch zu einem möglichen Verkauf von F-35 an die Türkei: „Das ist eine Entscheidung, die wir treffen werden. Es ist ein großartiges Flugzeug, das Beste überhaupt – und sicher etwas, das wir in Erwägung ziehen werden.“ Schon vorab hatte Vizepräsident J. D. Vance erklärt, Verteidigungsminister Pete Hegseth und das Pentagon prüften, wie ein solcher Verkauf rechtlich abgesichert werden könnte.

Der türkische Kampfjet KAAN hebt ab.
Der türkische Kampfjet KAAN hebt ab.
Foto: TAI

Türkischen Medienberichten zufolge erzielte Ankara beim NATO-Gipfel sogar einen „3:0“-Sieg: die angekündigte Aufhebung der CAATSA-Sanktionen, die Zusage von Triebwerken für den Kampfjet KAAN sowie die geöffnete Tür für die F-35. Trump verließ Ankara jedoch ohne förmliche Zusagen.

Kritik in Washington – und ein möglicher Doppelerfolg

Der politische Wille in der Trump-Regierung für die in Ankara gemachten Versprechen mag vorhanden sein, doch dem Vorhaben steht US-amerikanisches Recht entgegen. Der Kongress hat im National Defense Authorization Act (NDAA) für das Haushaltsjahr 2020 ausdrücklich verboten, F-35-Kampfjets an die Türkei zu liefern, solange Ankara im Besitz des S-400-Systems ist.

Abgeordnete der Demokraten – aber auch aus Trumps eigener Partei – kritisierten eine mögliche Lieferung der F-35 an die Türkei; unabhängig vom möglichen Verkauf des S-400-Systems. So warnte beispielsweise die Kongressabgeordnete Dina Titus kurz vor dem NATO-Gipfel vor einem „Geschenk“ Trumps an Recep Tayyip Erdoğan.

„Das Regime des türkischen Präsidenten Erdoğan hat wiederholt mit militärischen Aktionen gegen NATO-Verbündete und andere Partnerländer im Nahen Osten und im östlichen Mittelmeer gedroht“, sagte die Kongressabgeordnete Titus. Zudem sei der Verkauf von Triebwerken des Typs General Electric F110 an die Türkei sei ein völlig falsches Signal.

Verkauf an Golfstaaten: Vorteil auch für die USA

Wenn die Türkei das russische Luftverteidigungssystem allerdings tatsächlich kurzfristig veräußern kann, nimmt man den Kritikern in Washington den Wind aus den Segeln.

Aus US-strategischer Sicht ergibt das Türkei-freundliche Vorgehen durchaus Sinn: Die Türkei ist das flächenmäßig zweitgrößte NATO-Mitglied mit einer der größten Streitkräfte des Bündnisses. Eine festere Einbindung Ankaras in das Bündnis selbst sowie in westliche Rüstungsarchitekturen könnte sich gegen einen russischen Einfluss auszahlen.

Ein anderes Argument könnte lauten, dass ein Luftverteidigungssystem S-400 in einem Golfstaat letztlich auch US-amerikanische Soldaten schützt. Die zahlreichen US-Basen in der Region sind nach den Angriffen des Iran und aufgebrauchten Luftverteidigungsfähigkeiten sicherlich für jeden Schutz dankbar.

Steel Dome: Türkei baut parallele Eigenverteidigung auf

Unabhängig vom Ausgang der S-400- und F-35-Verhandlungen treibt die Türkei den Aufbau einer vollständig eigenständigen, mehrschichtigen Luftverteidigungsarchitektur voran. Das Konzept mit dem Namen Steel Dome wurde im Juli 2024 erstmals angekündigt und sieht einen integrierten, lückenlos vernetzten Schutzschirm gegen Bedrohungen von der Kleinstdrohne bis zur ballistischen Rakete vor.

Das türkische Systemhaus Aselsan hat einen bedeutenden Anteil am Sttel Dome. Die Komponenten wurden jüngst auf der Istanbuler Rüstungsmesse SAHA gezeigt.
Das türkische Systemhaus Aselsan hat einen bedeutenden Anteil am Sttel Dome. Die Komponenten wurden jüngst auf der Istanbuler Rüstungsmesse SAHA gezeigt.
Foto: Navid Linnemann

Steel Dome soll land- und seegestützten Systeme türkischer Herkunft vereinen. Dazu gehören Komponenten wie das Korkut-Flakgeschütz, die Kurzstreckenabfangraketen Hisar-A und Hisar-O sowie das weitreichende Langstreckensystem Siper. Das übergreifende Kommando- und Kontrollsystem Hakim soll alle Elemente des Steel Dome koordinieren.

Aselsan, einer der Hauptlieferanten für den Steel Dome, verkündete am Freitag die Erweiterung der Serienproduktion um einen zusätzlichen Vertrag über 1,47 Milliarden Euro. Welche der 150 Aselsan-Komponenten des Steel Domes konkret durch die Erweiterung finanziert werden, wurde nicht bekannt.

In 2025 unterzeichnete die Türkei für ihre neue Luftverteidigungsarchitektur Verträge im Wert von rund 5,7 Milliarden Euro aus. Davon entfielen rund 2,8 Milliarden Euro auf Aselsan.

Werden es die Vereinigten Arabischen Emirate?

Am Samstag liefen neue Gerüchte durch die türkische Medienlandschaft. So berichteten einige Publikationen wie Middle East Eye davon, dass die Vereinigten Arabischen Emirate hinter dem als Käufer genannten Golfstaat stünden. Die Verhandlungen sollen demnach bereits seit Monaten geführt werden.

Doch sowohl die bei Middle East Eye zitierten Quellen als auch Statements türkischer Politiker wie Außenminister Hakan Fidan mahnen zur Zurückhaltung: Die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen, der Verkauf der S-400 an die VAE längst nicht in trockenen Tüchern. Viel könnte demnach von Putin abhängen, der bei dem Deal das letzte Wort haben dürfte.

In Ankara stehen S-400, F-35 und die Ergebnisse des NATO-Gipfels jedenfalls auf der heute stattfindenden Kabinettssitzung. Präsident Erdoğan hält den Vorsitz.

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